ROC-Ensemble : Lobgesang zum 9. November

Auftritte der Staatskapelle und der ROC-Ensembles. Der Chor wählt eine Empore, um Schönberg in den Dom zu schicken.

Annabelle Seubert

Es herrscht Untergangsstimmung: Es regnet, die Menschen stehen gedrängt unter Schirmen, die Bühne, deren Plastikdach Daniel Barenboim, die Staatskapelle und den Staatschor schützt, erinnert an einen abgebrochenen Schiffsbug, die Strahler am Brandenburger Tor an die Signale eines Leuchtturms. Und doch haben beim „Fest der Freiheit“ am Brandenburger Tor alle gute Laune. Barenboim beteuert, wie bewegt er ist, 20 Jahre nach dem Mauerfall hier spielen zu dürfen. Das halbstündige Konzert beginnt mit Wagners „Lohengrin“, dem Vorspiel zum 3. Aufzug. Dass Komponisten-Urenkel Gottfried Wagner wetterte, Barenboim verhöhne mit dieser „chauvinistischen Kriegsaufputschmusik“ die historische Bedeutung des 9. November, stört den Generalmusikdirektor der Lindenoper nicht. Er schließt Schönbergs „A Survivor from Warsaw“ an, Mahnmusik gegen den Holocaust, mit Klaus Maria Brandauer als Sprecher.

Bei Beethovens Sinfonie Nr. 7 kommt dann richtig Feierstimmung auf: Die Musiker flitzen ihre Tonleitern in hohe Oktaven hinauf, Hillary Clinton nickt im flotten Takt. Und die anderen illustren Zuschauer – Merkel, Sarkozy, Brown, Köhler, Medwedew, Wowereit – applaudieren spätestens, als Barenboims angekündigte „Überraschung“ die Bühne betritt: Plácido Domingo singt Paul Linckes „Berliner Luft“. Die mag an diesem Abend so kühl sein, dass man Domingos Atem sehen kann – sobald er ein inbrünstiges „Ja, ja, ja“ schmettert, stimmt das Publikum sogleich ein. Annabelle Seubert

„Eine Illusion für gemischten Chor“ hat Arnold Schönberg sein Opus 13 „Friede auf Erden“ (1907) genannt, und der Zweifel des Komponisten an der Komposition von Friedenshymnen lässt sich nicht abtun. Gerade wenn es um „20 Jahre Mauerfall – Das Konzert“ geht. Das Benefiz versammelt im Berliner Dom, zugunsten der Domstiftung, erstmals alle vier Ensembles der ROC, der Rundfunk-Orchester und -chöre GmbH Berlin. Das heißt: vier Dirigenten, fünf Werke. Eine gedehnte Sitzung, weil das Konzert nicht nur Besetzungswechsel, sondern auch Zäsuren für die Rundfunkansagen in der weiten Welt erfordert. Kluge Köpfe haben das Programm ausgetüftelt, und es ehrt sie, dass die Musik nicht triumphal auftritt, sondern nachdenklich. Denn die ROC, 1994 gegründet, ist zwar ein Kind der Wiedervereinigung, aber keiner Liebesheirat entwachsen. Daraus ergeben sich in der ROC-Familie wechselnde Hackordnungen und Überholmanöver. Einer der Chefdirigenten, Ingo Metzmacher, ist nicht dabei, da er sein Glück derzeit in Wien sucht. Und doch – zwei Rundfunkorchester und zwei Rundfunkchöre aus ehemals Ost und West der Stadt Berlin: dass und wie sie existieren, ist ein Fest wert.

Was sie tragen an Geschichte, an Heimatkunde und Welterfolg, an Lachen und Weinen: die erste Berliner Funkstunde 1923 mit dem ältesten Klangkörper, die jüdischen Komponisten in Berlin, der Nachkriegsglanz des anderen Orchesters um den genialen Ferenc Fricsay.

Wenn Franz Schubert „Et in terra pax“ im Gloria seiner Es-Dur-Messe vertont, ist die Friedensbotschaft eingebunden. Simon Halsey hat Rundfunkchor und Rundfunk-Sinfonieorchester vor sich und musiziert mit präzisen Fingern, in der Fuge bedacht auf die Ordnung der Musik. Denn die Akustik der Kirche feiert den Nachhall des erhabenen Augenblicks. In ähnlicher Situation sieht sich Marek Janowski mit seinem Orchester, wenn in den Andanteteilen des großen Adagios aus Beethovens Neunter die Noten ineinandergleiten. Dennoch behauptet die Interpretation des Maestro ihr Cantabile.

Gerd Albrecht dirigiert das Deutsche Symphonie-Orchester, und wie vom Himmel scheint die „Wittenbergisch Nachtigall“ im Vorspiel zum dritten Akt der „Meistersinger“ zu grüßen. Der Rias-Kammerchor hat eine Empore gewählt, um das Schönbergstück mit Hans-Christoph Rademann nach unten zu schicken. Beste Reverenz an den Raum. Die vereinten Chöre und das DSO beenden das Jubiläum mit Stücken aus der 2. Sinfonie von Felix Mendelssohn Bartholdy. Es passt in den musikalischen Rahmen, dass der „Lobgesang“ ein Lied aus zurückhaltender Bescheidenheit ist. Sybill Mahlke

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