Kultur : Roccos Rache

Jörg Königsdorf

Menschen wie Rocco haben normalerweise in der Oper nicht eben viel zu melden. Das große Glück und die großen Gefühle bleiben ihnen versagt, und was sie außerhalb ihrer meist reichlich banalen Librettotexte noch von sich zu geben hätten, interessiert die Regisseure ebenso wenig wie das Publikum. Nebenrollenschicksal eben - und dabei hätte dieser Rocco vielleicht eine Menge zu erzählen aus seinem Gefängniswärterleben, könnte der abertausendmal gespielten Geschichte von der hohen Gattenliebe vielleicht sogar am Oberflächenlack kratzen und fragen, was denn nun geworden ist aus all den schönen Versprechungen von Brüderlichkeit. Wo denn diese neue, bessere Zeit abgeblieben ist, die schließlich auch für die kleinen Leute, für Marzelline, Jaquino und ihn selbst anbrechen sollte. Doch diese Fragen stellt der alte Rocco, der an seinem Bistrotischchen am Bühnentor sitzt, nicht - weder sich noch dem Stück, das direkt neben ihm stattfindet.

Es war an sich keine verquere Idee, mit der die Baden-Badener Pfingstfestpiele diesmal versuchten, ihrer Opernpremiere ein Aufmerksamkeitsplus zu verschaffen: Statt der etwas betulichen Dialoge der gängigen Stadttheaterfassung sollte der alte Rocco vom Bühnenrand her durch das Geschehen von Beethovens "Fidelio" führen, mit Zwischentexten, die Walter Jens dafür aus seinem Prosatext "Roccos Erzählung" destilliert hatte. Mehr als eine Conférence ist nicht daraus geworden: Meist erzählt der raukehlige und stellenweise etwas unkonzentriert wirkende Otto Sander nur den Gang der Handlung nach, die derweil von den Sängern pantomimisch nachgestellt wird - was der Alte daherredet, weiß man längst aus dem Opernführer. Die Chance, einmal zeigen zu können, dass sich auch hinter dem Mitläufertum ein kompliziertes Für und Wieder von gutem Willen und Schwäche verbergen kann, dass vielleicht sogar in der Kerkermeister-Gemütlichkeit des Durchschnittsmenschen ein unerlaubter Hass auf die Helden im Rampenlicht schlummert, verschenken Jens wie Sander.

Aber vielleicht bleibt am Lebensende für solche wie Rocco ja tatsächlich nur das märchenonkelhaft zahnlose "Es war einmal", bei dem der altersmilde Blick Gut und Böse gleichermaßen nivelliert. So scheint es jedenfalls Philippe Arlaud zu sehen und löckt mit diesem im Grunde zynischen Ansatz wider den Stachel des Humanismus. Die Zeiten, in denen man noch an Utopien geglaubt hat, sind für den französischen Regisseur und Bühnenbildner genauso lange her wie die Kerkermeisterzeit für Alt-Rocco. Geblieben ist einem nur die schöngefärbte Erinnerung: Der Raum, in dem sein "Fidelio" spielt, hat nichts mehr vom Eisen, Blut und Kot eines Kerkers, sondern vermittelt die entspannte Atmosphäre eines Esoterik-Workshops.

Die Zukunft ist gelb

Jedem Konflikt, jeder schicksalsrelevanten Handlung geht Arlaud bei seinem "Fidelio" aus dem Weg. Schurken, Helden, Minister, sie alle spielen in ihren weißen Anzügen nur etwas, was sie ohnehin nicht ernst zu nehmen scheinen, haben aus ihren teils banalen, teils ironisierend verlangsamten Gesten allen Willen zur Vergegenwärtigung, zur Vermenschlichung getilgt.

Dass überhaupt etwas passiert, entnimmt man den drei Leinwänden, die rechtwinklig die Spielfläche eingrenzen. Immer wieder erstrahlen sie in leuchtenden Farben: Ein kraftvolles Rot kündigt die Ankunft des Schurken Pizarro an, ein leuchtendes Gelb steht für die bessere Zukunft, und immer dann, wenn von Liebe die Rede ist, wirft der Projektor Kunstfotografien weichgezeichneter Gliedmaßen an die Wand - das alles ist ebenso unkonkret und flüchtig wie die Versprechungen, die am Ende der Oper gemacht werden.

In seiner achselzuckenden Gleichgültigkeit ist Arlauds "Fidelio" unter seiner gepflegten, schicken Oberfläche ein defätistisches Stück geworden - statt die Hoffnung auf eine bessere Welt bloß, wie es mittlerweile in fast jeder Inszenierung geschieht, durch eine Verzerrung der finalen Jubelszenen zu desavouieren, spricht Arlaud gleich der ganzen Geschichte ihren Vorbildcharakter ab. Egal, wie es ausgeht - engagieren lohnt sich auf keinen Fall.

Dass sich die konfliktentleerte Bühne damit in fortwährendem Spannungsverhältnis zu Beethovens Musik befindet, nimmt Arlaud in Kauf - ebenso, dass die Darsteller, denen der Boden der Glaubwürdigkeit unter den Füßen weggezogen wurde, keinerlei Profil gewinnen können: Die mit Ausnahme des ebenso schön- wie großstimmigen Johan Botha als Florestan eher durchschnittlich geratene Besetzung dieser Produktion verstärkt den Eindruck noch. Unentschieden stehen sie wie Schachfiguren zwischen Arlauds Verneinungsgeist und der Vitalität, die Simone Young und das Mahler Chamber Orchestra im Graben entfachen. Denn paradoxerweise erzählt Young genau das, was die Szene vorenthält: Ihr "Fidelio", dem Simon Rattles revidierte Glyndebourne-Version zugrunde liegt, verzichtet auf sinfonische Wucht und lebt ganz aus einer singspielhaften Agilität, rückt nahe an die "Zauberflöte" heran: Die kleine Orchesterbesetzung nutzt Young, um einen Reichtum an illustrativen Details hörbar zu machen: Von den imitierten Liebesseufzern Jaquinos in den Fagotten bis zu den blitzenden Talern in Roccos "Gold-Arie" klingt diese Partitur mit einem Mal unmittelbar theatralisch. Beethovens Melodik verliert bei Youngs rasanten, von der Pauke unerbittlich angetriebenen Tempi keineswegs an Aussagekraft, sondern bekommt mit einem Mal einen sprechenden, schauspielhaften Gestus. Entlässt einen mit einem Hoffnungsschimmer, dass sich Engagieren vielleicht doch lohnt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar