Kultur : Rock die See

Schiffsmeldungen: das Hamburger Schauspielhaus widmet dem Meer eine Revue frei nach Homer

Katrin Ullmann

Ob Abenteuer oder Schiffsunglück, weiße Wale oder verschollene Matrosen: Das Meer ist und bleibt ein Dauerbrenner, zumindest am Hamburger Schauspielhaus. Hier hat Intendant Friedrich Schirmer, aus dem meerfernen Süden der Republik, der wilden See einen Spielzeitschwerpunkt gewidmet. Schirmer, der das Schauspielhaus gerne „Theaterschiff“ und dessen Besucher „reiselustige Passagiere“ nennt, hat neben der „Frau vom Meer“, „Der kleinen Meerjungfrau“ nun eine „Oh die See!“ auf den Spielplan gesetzt; phonetisch und inhaltlich ein bisschen, aber nicht zu eng verwandt mit dem uralten Homerschen Stoff.

Der Untertitel nuschelt von einer „Rock das Boot Show“. Igor Bauersima – studierter Architekt, viel beachteter Dramatiker, Regisseur und manchmal auch Musiker – hat Text, Regie, Ausstattung sowie musikalische Leitung übernommen und sogar ein paar Songs komponiert. Doch, es sei vorweg gesagt, diese Rock-Oper-Uraufführung ist ein Untergang. Mit Mann, Musik und Maus.

Zunächst scheint noch alles in Ordnung. Aus einer riesigen, kreisrunden Umkleidekabine hat Odessa mit ihrem Seemann Hugo eine Bar – Barock – gezaubert. Irgendwo auf dem Hamburger Kiez, nahe am Hafen. Odessa singt, Hugo schrubbt auf der Gitarre: Das ist das Erfolgskonzept der Kneipe. Könnte gut gehen. Zu Anfang singt Jana Schulz als Odessa dann auch gleich von der See, der Sehnsucht, der Fremde und der Liebe. Recht sparsam bekleidet, mit billiger Lockenperücke und kniehohen, roten Lackstiefeln, wackelt sie tapfer über die Bühne, hübsche Wolkenprojektionen (Georg Lendorff) streifen ihr Gesicht, später springen drei Kolleginnen, mit Kehrbesen fuchtelnd, in Sachen Backgroundchor recht sinnfrei um sie herum. Sören Wunderlichs Hugo – optisch ein sanfter Kurt-Cobain-Verschnitt – singt ein „Unser Tag ist da!“ für sie und haut ab auf große Fahrt nach Casablanca. Er wird so bald nicht wiederkommen.

Doch die Jahre vergehen wie im Flug. Ein paar Projektionen künden von der Schnelllebigkeit der Zeit, ein Klischee-Mafiosi (Jürgen Uter) hat böse Pläne und etliche schmierige Freier grapschen nach der einsamen Lady. Doch Odessa umklammert eine Ansichtskarte aus Marokko und glaubt fest an Hugos Rückkehr. Tatsächlich steht – zehn Jahre sind vergangen – plötzlich ein vertrauter Fremder in der Tür. Einer, der Gitarre spielen kann und singt: „Ich bin am Ende meiner Reise – ich komm zurück zu dir“. Hier könnte das banale Stück zu Ende sein. Könnten sich Odessa und Hugo in den Armen liegen und, wenn es sein muss, eine Wiedersehensschnulze hauchen.

Stattdessen, oh weh, eine Idee!, spult Bauersima die Geschichte zurück und erzählt jene zehn Jahre auf ein Neues – diesmal aus der Perspektive des recht schlaffen Helden, angeblich auf der Reise zu sich selbst. Da wird in einem Lotusblütenrausch endlos viel Dünnsinn gefaselt, stoßen Hugo und Gefährten als blinde Passagiere auf tonnenweise Kokain, wird von „high“ zu „Hai“ gedichtet, explodieren Schiffe, strampeln Beine und umstreift Kirke (Birgit Stöger) auf einer Wellness-Insel die Gestrandeten. Zwischenrein wird holprige Handlung gebastelt, Pop gespielt, von jedem Darsteller mehr schlecht als recht ein Lied gegeben, meist jämmerlich ausgesteuert. Irgendwann ist Hugo auf dem Luxusdampfer „Calypso“ unterwegs und singt – was sonst? – mit Paris Palace (Monique Schwitter) Bossa Nova. Später trifft er in Amsterdam eine gewisse Nausikaa (Lucia Peraza Rios), die ihm so ausdrucksstark wie unverständlich ebenfalls ein Lied darbietet und ihn „gerne geheiratet hätte und so weiter.“

Der Abend kippt ins unfreiwillig Komische, will trashig, kultig sein und ist schlicht peinlich, platt und langweilig. Am Ende kehrt der Abenteurer brav nach Haus zurück. Dort trifft er seinen alkoholkranken Vater wieder und auch seine treue Odessa. Da singt ein ehemals Blinder „Oh ich seh!“, auf das Hugo ein „Oh die Seeeeeeeehnsucht“ reimen muss. Eine fürchterliche Irrfahrt liegt hinter ihm, ohne Sinn, Spaß, Spannung oder Salz.

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