Kultur : "Rock gegen Rechts": Aufstand mit Eintritt

Jost Kaiser

"Hier", so hatte es der Conferencier zu Beginn des Abends noch versprochen, "gibt es garantiert keine anständigen Deutschen". 6000 Konzertbesucher und keine "anständigen Deutschen"? Der Mann der das sagte, interviewte später trotzdem Wolfgang Thierse, der wieder einmal von den "Mauern in den Köpfen"sprach, diesmal bezogen auf die verschiedenen Nationalitäten. Später kamen Gymnasiasten in "No Fascism"-T-Shirts und Xavier Naidoo und Nina Hagen und Nena und Initiator Udo Lindenberg, der dauernd von "Nazi-Schweinen" redet. "Der ganze Schrott gehört weg!" Das alles fand statt unter dem Motto "Mut gegen rechte Gewalt", gesponsort vom "Stern".

Thierse, No Fascism-Gymnasiasten, Lindenberg, "Stern": Nun, es war schon genau jener "Aufstand der Anständigen", von dem der Kanzler gesprochen hatte, der am Sonnabend im Berliner "Velodrom" stattfand. Ein Aufstand, an dem sich zu beteiligen es allerdings den Kauf des - historische Anspielung auf das finsterste Kapitel deutscher Geschichte! - exakt 33 Mark teuren Tickets bedurfte.

Bald war klar, was der Conferencier des Konzertes "Rock gegen rechte Gewalt", der Comedy-Star Ingo Appelt mit "Unanständigkeit" meinte: er meinte sich selbst, und vor allem seine Neigung in regelmässigen Abständen und ohne erkennbaren Anlaß das Wort "Ficken" auszusprechen. Aber vielleicht war es auch einfach nur ein geschickter Schachzug der Initiatoren der Konzerttournee "Rock gegen rechte Gewalt", die schon in drei Städten gastierte, ehe sie nach Berlin kam, Ingo "Ficken" Appelt zu engagieren. Denn damit gab es ein bisschen neunziger Jahre inmitten der Rückbezüge.

Die "Rock gegen rechts"- Idee stammt aus den Siebziger Jahren. Erfunden wurde sie, wie der überraschte Besucher im Verlauf des Abends erführ, unter anderem vom jetzigen niedersächsischen Ministerpräsidenten Sigmar Gabriel. Sigmar ist ein guter Freund von Udo und durfte deshalb eine Rede halten. Die Umsetzungder Siebziger-Jahre-Idee kam mit dem Flair der Fünfziger daher, und erinnerte an "Der bunte Abend" oder "Ein Kessel Buntes".

Jede Band hatte zwanzig Minuten Spielzeit, zwischen den Gigs wurden Reden gehalten. Zusammengebunden wurde das ganze von Appelt und seinen Herrenwitzen. Kein Rassismus, dafür ein wenig Sexismus. Manchmal ging es aberwitzig zu und die Genres wurden durcheinandergewürfelt. Da kommt erst "Knorkator" zum Einsatz, tätowierte Freaks, die alle mit ihren Umhängen ein bisschen aussehen wie Fred Feuerstein und die klingen wie die Comedy-Version von "Rammstein". Und im nächsten Moment tritt Annette Kahane von der "Antonio-Amadeu-Stiftung" auf, benannt nach einem in Ostdeutschland ermordeten Afrikaner. Kahane berichtet von ihrer Arbeit der Stiftung und bedient sich dabei vor allem des Vokabulars aus dem sozialpädagogischen Fundus: "antirassistische Arbeit", "Projektgruppe", "Bewusstein schaffen". Kaum ist Kahane weg, kommt Appelt und sagt: "Der Unterschied zwischen Jesus und dem Papst? Der eine konnte über Wasser gehen, der andere kann es nicht halten."

Und so geht das öfter hin und her zwischen toten Menschen und toten Witzen. Einmal gerät Appelt völlig aus dem Konzept und sagt in einem Tonfall, in dem er eigentlich die Musiker ankündigt: "Wir präsentieren stolz: die Opfer rechter Gewalt", so, als käme jetzt ein Popstar. Das Opfer rechter Gewalt ist Afrikaner, heisst Jean-Jaques und ist von der "Flüchtlingsinitiative Brandenburg". Manchmal ist es einfach ein bisschen viel auf einmal in zu kurzer Abfolge. Aber einen kurzen Moment lang hat man das Gefühl, dass es dem Afrikaner aus Brandenburg einfach gut tut, von Appelt wie ein Popstar angekündigt worden zu sein. Und am Ende sind die Unzulänglichkeiten und Aussetzer auch egal. Natürlich geht es bei solchen Veranstaltungen vor allem um die innere Einkehr, nicht um die Aussenwirkung: die Guten demonstrieren, dass sie die Guten sind - ein Akt der Selbstvergewisserung. Der Sänger von City bringt es auf den Punkt: "Ihr seid die Guten". Genau. Sich das gegenseitig zu versichern, ist vielleicht ein Wert an sich.

Insofern ging es auch nicht um die Musik, auch wenn man nach viereinhalb Stunden eine musikalische Erkenntnis mit nach Hause nimmt: die deutsche Popmusik, da kann auch der hohle Pathos der Ostrockband "City" oder Lindenbergs Panikorchester nicht hinwegtäuschen, hat in den Neunziger Jahren zu einem ganz eigenen Stil gefunden. Dafür stehen an diesem Abend die Hip-Hop-Jazzband "Jazzkantine" und vor allem die umjubelten "Söhne Mannheims". Von der Lyrik Xavier Naidoos mag man halten was man will: diese Grosskombo mit bis zu zwölf Musikern bringt es fertig, angloamerikanische Elemente von Hip Hop bis Soul zusammenzumischen, ohne reine Adepten zu sein.

Nena sagt: Steht doch mal auf, einfach für so ein allgemeines Gefühl." Und alle Stars des Abends versammeln sich, um zusammen die Hymmne des allgemeinen Gefühls zu singen, es ist "Imagine" von John Lennon. 6000 singen mit und entschwinden anschliessend glücklich in die Berliner Nacht.

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