Kultur : Rock in der Schleuse

VOLKER LÜKE

Leute, die länger durchhalten, muß man gelegentlich neu vorstellen: Michael Gira war früher die Stimme der Swans, einer stilbildenden Lärm-Band, die Anfang der 80er aus einem Gully New Yorks kroch, um die Welt mit nihilistischem Großstadt-Blues zu ersäufen, und anschließend mit esoterischem Geklingel in mystische Pop-Universen abdriftete.Nachdem die Schwäne vor ein paar Jahren für immer abgetaucht sind, präsentiert sich Gira nun als geläuterter Rock-Poet.Vor dem Auftritt mit seiner neuen Band Angels Of Light im ColumbiaFritz unterstreicht der Schmerzensmann seinen guten Geschmack, indem er erstmal einen Schluck aus einem Cognac-Schwenker nimmt, schließlich sind auch die Texte nur vom Feinsten, unter Baudelaire geht nichts, und die Musik dazu ist irgendwo zwischen todesnaher Leonard-Cohen-Melancholie und saftigem Scott-Walker-Pathos herangereift.Vier Musiker schaffen eine sprühende Kulisse zur Präsenz von Giras kantiger Kauermiene: eine schöne Blonde am Akkordeon, eine unscheinbare Bassistin, ein norwegischer Schlagwerker, der aussieht wie "Kriemhilds Rache", und schließlich Lokalmatador Justice Hahn, der eine wunderschöne Lap-Steel-Gitarre spielt.Behutsam tasten sie sich in die Struktur der Musik, heben das beschworene Thema mittels erprobter Schleusentechnik ein Treppchen höher oder stürzen sich in infernalisches Getöse, während Gira seine schonungslosen Folk-Lyrics im Stil apokalyptischer Moritaten vorträgt, mit einer Stimme, die zwischen dramatischen Überdrehungen und einschmeichelnden Chanson-Techniken herumrutscht, unmittelbar und ergreifend, aber auch dunkel und traumlos wie ein verzweifelter Nick Cave, der sich enttäuscht von der Menschheit in einem Spülbecken zu ertränken versucht.

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