Kultur : Rocker auf dem Regiestuhl

Frontmann der Berliner Volksbühne: Dem Theatermacher Frank Castorf zum 60. Geburtstag

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Mister Cool. Seit 1992 leitet Castorf die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Foto: dpa
Mister Cool. Seit 1992 leitet Castorf die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Foto: dpaFoto: dpa

Und wenn Neil Young sich doch geirrt hat? Wenn es für den Ewigkeitsrefrain „My my, hey hey, Rock ’n’Roll is here to stay“) doch ein Verfallsdatum gibt? Frank Castorf, Intendant der Volksbühne seit 1992, hatte ja nicht nur ein paar Theaterhits. Er hat Theatergeschichte geschrieben, schon in der DDR, sein Einfluss ist immer noch offenkundig. Irgendwo auf der Welt wird man auch in ein paar Jahren noch eine Truppe finden, deren Witz und Anarchie an Castorf erinnert. Natürlich hört ein Theatermensch nicht gern, dass er schon irgendwie Geschichte ist. Und richtig schwierig wird es, wenn dieses „Gestern“ ein glänzendes, epochales, befreiendes war. Dann fällt das Eingeständnis des an sich Selbstverständlichen doppelt schwer: Jegliches hat seine Zeit.

Im Theater gilt die Siebenjahresregel. Frank Baumbauer, die große deutsche Intendantenfigur, der Castorf-Freund und Förderer aus frühen Basler Tagen, hat sie einmal aufgestellt. Die Regel sagt, dass ein Ensemble, ein Theaterteam nach sieben Jahren den Zenit überschritten hat. Baumbauer hat sich in Hamburg und München daran gehalten und aufgehört, wenn es am schönsten war. Nun zeichnet Frank Castorf sich aber gerade dadurch aus, dass er ein Rockmusiker auf dem Regiestuhl ist, ein Stahlschmied, manchmal auch ein Verschrotter. In den neunziger Jahren hat er das Theater aufgerollt, später war auch nicht alles schlecht, wir müssen ihm im Grunde dankbar sein, dass er nicht wie Baumbauer denkt und handelt. Was wäre aus der Volksbühne geworden, wenn er sie schon vor Jahren verlassen hätte?

Das Wirken von Frank Castorf, da stecken auch anderthalb Generationen von Theatermachern, Zuschauern, Kritikern mit drin. Er war prägend. Er hat das Theater nach der Wende wieder wichtig gemacht. Seine legendären Inszenierungen, von Heiner Müller oder Hebbel, Dostojewski oder Tennessee Williams, glichen Happenings; das Verfallsdatum war ihnen eingeschrieben, gerade weil seine wunderbaren Schauspieler so athletisch, rücksichtslos und ausgreifend agierten, als gäbe es kein Morgen. Castorf war cool, er hat Stücke inszeniert, wie Rockbands Konzeptalben aufnehmen, und einmal ist dann der Moment gekommen, dass er allein da saß wie Paul McCartney und sich wie der Beatle h über die „Long and winding road“ schleppt. Allein, ohne seine eingespielten, müde gespielten Frontmänner und -frauen.

Neuerdings hat er wieder bei den Russen Unterschlupf gefunden. Letztes Jahr ein Tschechow und jüngst, bei den Wiener Festwochen, „Der Spieler“ nach Dostojewski. Die Produktion ist in der nächsten Spielzeit in Berlin zu sehen.

An diesem Sonntag feiert Frank Castorf seinen 60. Geburtstag. Für Rockmusiker ist das heute kein Alter mehr, für Theaterleute sowieso nicht. Wenn die Hoffnung nicht trügt, gibt es Anzeichen für eine neue Phase, eine Art abgeklärtes Vor-Alterswerk. Dass es gelingt, wäre ihm und seinen Freunden zu wünschen. Es sind nicht mehr so viele wie früher, aber die Abtrünnigen warten ja nur auf ein Zeichen. Es ist auch der Volksbühne zu wünschen, über deren Intendanz der neue Berliner Senat im Herbst nach der Wahl entscheiden muss: über die Verlängerung seines Vertrags.

Der runde Geburtstag erinnert auch daran, dass so viele grandiose Künstler der letzten großen Theaterblüte nicht mehr am Leben sind: Christoph Schlingensief, Einar Schleef, Jürgen Gosch, Pina Bausch. Die Erinnerungen an all diese Zauberer und Zampanos zu tragen, ist entschieden zu viel für einen Einzelnen. Er könne ja nicht mit jedem Volksbühnenmitarbeiter ein Bier trinken, hat er mal in seiner einzigartigen Berliner Mischung aus Machismo und Mutterwitz erzählt, schließlich arbeiten da ein paar hundert Menschen. Irgendwie hat er’s dann doch versucht, und das dauert eben. Rüdiger Schaper

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