Rock’n’Roll : Die schlechtere Hälfte

Ike Turner spielte Rock’n’Roll lange vor Elvis, er schaffte es nach ganz oben und fiel dann um so tiefer. Zum Tod eines Wegbereiters.

H. P. Daniels
Turner
Vor dem Fall. Ike Turner mit Ehefrau Tina Mitte der Sechziger. -Foto: Keystone

Er war der „Boogie Boy aus Clarksdale“, der Junge aus Mississippi, der schon während seiner Schulzeit wild ins Klavier hämmerte. Wie er es von seinem bewunderten Lehrer Pinetop Perkins gelernt hatte. Als Schwarzer spielte er zunächst ausschließlich für ein schwarzes Publikum in Schwarzen-Clubs schwarze Musik. Am 5. November 1931 geboren, kam Ike Turner von ganz unten, harte Schule des Blues, sein Vater war von weißen Rassisten ermordet worden. Aber er kämpfte sich nach oben. Weiter nach oben und noch weiter. Und ist schließlich umso tiefer gestürzt, wieder ganz runter: Karriere weg, Geld weg, Ruf ruiniert. Dass er, der heute vor allem als Teil des Hitparaden-Duos Ike & Tina Turner bekannt ist, aus diesem Loch wieder herausgekrochen kam wie ein lädierter Boxer, der nicht aufgibt, war vielleicht seine größte Leistung.

Bereits Ende der vierziger Jahre hatte Turner seine Band The Kings Of Rhythm gegründet, mit der er Blues, Boogie, R & B und Swing zu einem wilden, aufregenden Stil verquirlte. Im legendären Sun Studio in Memphis, in dem ein paar Jahre später die große Karriere des jungen Lastwagenfahrers Elvis Presley beginnen würde, nahm Ike Turner schon 1951 seinen Song „Rocket 88“ auf, der von vielen später als die „erste Rock’n’Roll-Nummer“ überhaupt bezeichnet wurde. Turner spielte da vorwiegend elektrische Gitarre. Ihr verzerrter jaulender Ton wurde durch den exzessiven Gebrauch des „Wimmerhebels“ zu seinem unverkennbaren Markenzeichen.

Turner, der auch als Talent-Scout und Produzent arbeitete, spielte mit Blues-Größen wie Elmore James, B.B. King, Buddy Guy . Der noch unbekannte Jimi Hendrix war kurzzeitig in Turners Band. Der habe ihn allerdings schnell wieder rausgeschmissen, heißt es, weil ihm Hendrix zu viel mit akustischen Rückkoppelungseffekten experimentiert habe. Zu viel Freiheit missbehagte dem Mann, der sowohl Howlin’ Wolf und Muddy Waters entdeckt und produziert hatte.

Mit Tina zusammen ging es aufwärts

Nachdem Ike Turner 1959 die 18-jährige Sängerin Anne Mae Bullock kennengelernt und sie als Sängerin in seine Band aufgenommen hatte, ihren Namen in Tina Turner und den der Band in The Ike And Tina Turner Revue geändert hatte, ging es steil bergauf mit der Karriere des Paares. Ike schrieb die Songs, arrangierte, choreografierte, produzierte und spielte Gitarre, während Tina mit ihrer elektrisierenden Soul-Stimme einen Hit nach dem anderen sang: Auf „A Fool In Love“ (1960) folgten „It's Gonna Work Out Fine“ und „Poor Fool“ (beide 1961). Schließlich die größten Hits „River Deep Mountain High“ (1966), „Proud Mary“ (1971) und „Nutbush City Limits“ (1973). Zwischen 1951 und 1976 hat Ike Turner hunderte von Songs geschrieben, Dutzende von Alben veröffentlicht. Doch der Erfolg war teuer erkauft. Wie zerrüttet das Verhältnis des Traumduos war, offenbarte die Trennung Tinas von Ike 1976.

Dem Schritt ging eine brutale Auseinandersetzung voraus, mit einem Schlag verlor der Mann seine Muse und seinen Ruf. Ein Schock, den er lange nicht verwinden konnte. Zumal Tinas erfolgreiche Solokarriere ab 1984 dessen Vita schnell überstrahlte. In ihrer Biografie „I, Tina“ (1986) beschuldigte sie ihren Ex-Partner schwerer Gewalttätigkeiten, Drogendelirien und des Despotismus. Und Ike Turner, der wegen seines exzessiven Kokain-Gebrauchs längere Zeit in einem kalifornischen Gefängnis saß, sah seinen Ruf endgültig ruiniert durch den 1993 erschienen Film über das Leben seiner Ex-Frau Tina Turner „What's Love Got To Do With It“. Aus Geldmangel und Dummheit habe er damals alle Einspruchsrechte gegen die Darstellung seiner Person im Film verkauft, sagte er später. In dem auf Tinas Buch basierenden Biopic wirkte die Schilderung seines Charakters als unberechenbarer, drogensüchtiger Frauenverprügeler derart negativ, dass sein Bild in der Öffentlichkeit davon über Jahre geprägt wurde.

Er selbst hat zwar in Interviews und in seiner eigenen Autobiografie „Takin’ Back My Name“ zugegeben, kein Heiliger gewesen zu sein, den Vorwurf der Gewalttätigkeit allerdings wies er hartnäckig zurück.

Wie auch immer Ike Turner sich hinter den Kulissen benommen haben mag, seine Verdienste für die Popgeschichte sind unbestritten. Im Schatten von Tina Turners Stadion-Ruhm verschwand er in der Versenkung. Doch 1991 wurde er, während er noch im Gefängnis saß, mit Tina Turner in die Rock’n’Roll Hall Of Fame aufgenommen. Zehn Jahre später reformierte er seine Kings Of Rhythm, nahm wieder Platten auf, ging auf Tourneen, trat erfolgreich auf Jazz- und Blues-Festivals auf. Anfang dieses Jahres wurde er sogar noch einmal mit einem Grammy ausgezeichnet für „Risin’ With The Blues“ – als „bestes traditionelles Blues-Album“. Er war zu den Wurzeln zurückgekehrt. Nun ist Ike Turner am Mittwoch im Alter von 76 Jahren in seinem Haus in San Diego gestorben.

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