Kultur : Rodeo und Julia

Liebe ist ein seltsames Spiel: Drei Berliner Bühnen aktualisieren Shakespeares Klassiker

Maxi Leinkauf

Die Liebe wird immer schnelllebiger. Dreiwöchige Ehen sind nicht selten, und viele zweifeln schon vor einer neuen Beziehung, ob sie über den Monat kommt. Nur Romeo und Julia lieben sich ewig. Offensichtlich ist ihre Geschichte hochmodern: Gleich auf drei Bühnen läuft das Stück in diesem Sommer.

Die 450 Plastikstühle mitten im Monbijoupark, im Hexenkessel-Hoftheater, sind voll besetzt. Musik erklingt, schon schwebt Romeo auf die Bühne, im schicken weißen Unschuldskostüm. Er blickt verzweifelt, mit seinen benebelten Augen. Dann erscheint die charismatische, männliche Amme im lila Kostüm, lautstark lamentierend. In beißend-ironischen Monologen mokiert sich Mercutio über den luxuriösen Liebeskummer des Kameraden. Er verteidigt aber auch Romeos Ehre mit dem Schwert. Showtime: Lichtspiele und Kampfchoreografien à la „Matrix“ machen die Bühne zur Actionarena. Die berühmteste Balkonszene der Welt wird hier zum waghalsigen Stunt. Romeo sitzt auf einem hohen Metallgitter und schwört beim Mond, dem Wandelbaren. Entrückt schaut die zierliche Julia zu ihm auf.

Nach einer Stunde Spielzeit sind die beiden glücklich verheiratet, mit dem Segen der Eltern. Was ist hier los? Die Liebe, etwa doch ein leichtes Spiel? Nicht bei Shakespeare. Nach der Pause wird es ernst. Regisseur Jan Zimmermann erklärt: „Ich mache hier den Genreknick, wir bedienen beides nacheinander, erst Tragik, dann Komik.“ Erfüllte Liebe? „Wie soll das gehen, die erste richtige Liebe bricht gewaltsam bei uns ein. Die sucht man sich doch nicht aus.“

Ein paar Autominuten weiter südlich verschwindet Erich Honeckers Gesicht allmählich im Grau der East-Side-Gallery. Dahinter stehen Miettoiletten und ein, zwei Wohnwagen auf zertretenem Rasen. Was sucht man schon in diesem Niemandsland beim Ostbahnhof, wenn nicht „Romeo und Julia“. Das Drama spielt im Zirkuszelt des Shakespeare-Company-Theater. Sechs Männer stehen auf der platten, runden Bühne und trotzen der Hitze: Julia trägt ein rotes kurzärmeliges Kleidchen, an ihre männliche Stimme gewöhnt man sich schnell, nur die Gummimaske über dem Gesicht befremdet etwas. „Romeo und Julia“ inszenieren die Woesner Brothers als ein reines Männerstück, wie zu Shakespeares Zeiten.

Was hier vor allem zählt, ist Komik. Darauf setzen die 40-jährigen Woesners ähnlich wie die Theatergruppe im Hexenkessel-Theater. Da ist die blasse, bucklige, gebrochene Amme, murmelnd und krächzend. Deren zerfurchtes Gummigesicht symbolisiert die Narben ihrer Seele, sie ist eine gebrochene Frau. Oder Julias nach Titeln hechelnder, frustrierter Vater, immer wieder unterbricht ein kurzes, befreiendes Auflachen die Tragik des Dramas. Ingo Woesner selbst mimt den Romeo, doch die beiden Protagonisten sind eher langweilige Typen. Ohne Reibungsflächen.

Verfehlen kann man die berühmteste Love-Story kaum in Berlin. Aufführung Nummer drei läuft im Kinder- und Jugendtheater Strahl in Schöneberg. Es ist die erste Saison in der neu eröffneten Freilichtbühne im Garten des Jugendzentrums Weiße Rose. Regisseur Günter Jankowiak hat seine erfolgreiche „Romeo und Julia“-Inszenierung (das „und“ ist hier im Titel durchgestrichen) nun an die frische Luft gesetzt. Liebe als Kampfsport: Die sechs Mimen vom Theater Strahl prügeln einander die Pointen nur so aus dem Leib. Sie toben über Zäune und Bäume, Hitzköpfe, Heißsporne. Sie sind verliebt in die Liebe, und sie lieben ebenso den Streit der Familien Capulet und Montague, der bekanntlich fatal endet für das Traumpaar. Das ist das Schöne und Besondere an dieser Strahl-Produktion. Man kapiert, wie jung die Protagonisten sind, wie sie sich im wilde Kämpfe stürzen und in blinde Liebe, um die Langeweile totzuschlagen und den Wahnsinnskräften, die in ihren gären, ein Ventil zu schaffen. Komisch ist es auch. Und grausam und traurig.

Die Liebe wird immer schnelllebiger. Aber so schnell wie bei Romeo und Julia ist sie nie entbrannt.

Hexenkessel-Hoftheater: Dienstag bis Samstag 21.30 Uhr; Shakespeare-Company-Theater: Premiere am 21. 8., 20.30 Uhr, weitere Vorstellungen 22., 24., 25., 26.8.; Theater Strahl: 24. 8., 19 Uhr, 25. und 26. 8. je 10 Uhr

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