Kultur : Roger Loewig: Zerschnittene Heimat

Klaus Hammer

Roger Loewigs Werk, das jetzt die Stiftung Stadtmuseum Berlin zeigt, steht erst am Anfang seiner Entdeckung. Der erste Eindruck, der sich vermittelt, ist der einer überbordenden Fülle der Themen und Motive. Loewig muss unter einem ungeheuren psychischen Druck gestanden haben. Was sich an Gefühlen und Beängstigungen in ihm aufgestaut hatte - die verlorene Heimat, die Verbrechen des Nationalsozialismus, Schuld und Sühne der Deutschen, die Bedrückungen im Realsozialismus, die Atomkriegsvisionen -, das suchte er in Dichtung und bildender Kunst abzubauen, ja förmlich abzuarbeiten.

Warum er solch ein totalmenschliches Spannungsfeld auszuschreiten imstande war, erklärt sich schon aus seiner Biografie . Der vor 70 Jahren in Schlesien Geborene wurde mit der Mutter 1945 aus der Heimat vertrieben, schlug sich als Land- und Forstarbeiter in der Lausitz durch, war zehn Jahre als Lehrer an Ostberliner Schulen tätig, nebenbei sich als künstlerischer Autodidakt. Wegen "staatsgefährdender Hetze und Propaganda in schwerwiegendem Falle" kam er 1963 in Stasi-Haft, Bilder und Manuskripte wurden beschlagnahmt und teilweise vernichtet. Ein Jahr später konnte er mit Mitteln aus dem Westen "freigekauft" werden. Loewig arbeitete als freischaffender Künstler, durfte 1972 die DDR verlassen und bezog eine Atelierwohnung im Märkischen Viertel jenseits der Mauer. Aber auch im Westen blieb er ein "Heimatloser", ein wirklicher Durchbruch war ihm auch hier nicht beschieden. Er starb 1997.

Ein deutscher Künstler also, der weder im Osten noch im Westen sein Land gefunden hat, der im "Niemandsland" einer zerschnittenen Welt lebte: "Ich bleibe ein Landsucher auf der Suche nach Menschenland ... " Anläßlich seines 70. Geburtstages stellt eine repräsentative Ausstellung der Stiftung Stadtmuseum Berlin das bildkünstlerische Werk Loewigs und seine literarischen Bezüge der Öffentlichkeit vor.

Bild- und Dichtkunst Loewigs sind eng miteinander verzahnt: Manche Gedichte bestehen aus aneinandergereihten Bildtiteln , Zeichnungsfolgen wiederum tragen als Titel erste Verszeilen eines Gedichtzyklus. Loewigs Anfänge stehen ganz im Zeichen der Expressionisten. Drei großformatige Gouachen zu seinem Romanthema "Leskowiak" aus dem Jahre 1956 bilden den Auftakt; sie wurden 1995 in einem Zwischenboden der alten Köpenicker Wohnung aufgefunden und von der Stiftung Stadtmuseum Berlin angekauft. In expressiver Gebärdensprache sind auch die Rohrfederzeichnungen von 1962, "Bilder aus meinem Leben", gehalten. Die Welt, in der er lebte, erschien ihm surreal, voller Metaphern und Symbole.

Der Tod der Mutter hatte monatelange Zeichenstudien in der Totenkammer eines Berliner Krankenhauses zur Folge. Die Lithografie, später auch die Radierung, wurde für ihn bald wichtiger als die Malerei, weil sie seiner Neigung, in Zyklen zu arbeiten, entgegenkam. In den wirbelnden, lastenden Rauchschwaden des Blattes "Brennende" aus dem "Jüdischen Zyklus" von 1965 sind menschliche Konturen nur zu ahnen. Auf dem Blatt "Zusammengeschmolzenes" (1965) treiben bis zur Unkenntlichkeit entstellte Köpfe und Leiber in erkalteter Lavamasse. Dann wieder brechen die Körper wie in Geschwüren auf, innere Organe und Gedärme werden bloßgelegt. "Großes Panorama" von 1965 zeigt wabernde, schlackenhafte Formen, aus denen menschliche Leiber, Torsi, die Mauern einer Stadt, Himmelskörper hervortreten.

Kreuz- und Querverbindungen zwischen Vorder- und Hintergrund geben den Szenen Loewigs ein klaustrophobisch zusammengepresstes Aussehen. Aus der räumlichen Verdichtung gotischer Altarbilder entsteht der Schauplatz moderner Kreuzigungen und Kalvarien, eine ganze Psychogeschichte Europas. Die Blätter der Folgen "Wirbelsäulenwälder" und "Im Sumpfland" scheinen sich zwischen Schöpfung und Apokalypse zu erstrecken.

"Frostgeschwärzte Insekten" werden zu monumentalen Ungeheuern in "düsterem Totentanzflug", "Stürzende Vögel" betten sich zu einem Leichenhügel, in den sanften Linien der anthropomorphen Landschaften lassen sich Menschen- und Tierkörper in ihren Umrissen erkennen. Eine weiträumige Landschaft breitet sich jetzt aus: Zwischenland, Ödland, Sumpfland, Dunkelascheland als Schicksalslandschaft. In Bildern und Gegenbildern ruft Loewig zur Bewahrung und Wiederherstellung des Menschenbildes, der Humanität auf.

Die Radierungsfolge "Masurische Insignien", die späten Zeichnungen des märkischen Landes, der Oderlandschaft, des Hohen Fläming, besitzen das, was Loewig als das Höchste für einen Künstler bezeichnete, "wie ein leiser Hauch zu sein, der die Stirnen berührt als Mahnung, nie zu vergessen, was nicht vergessen werden darf, als Warnung vor der Zerstörung der Erde und ihrer Lebenwesen, als eine Bitte um Menschlichkeit. Es ist die Stille eines ausklingenden Werkes, die auch uns stumm werden lässt.

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