Kultur : Rohe Räume

Eine Doppelausstellung von Thomas Demand.

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Nimmer ein Zimmer. Bild der Serie „Model Studies“. Foto: T. Demand/VG Bild-Kunst, Bonn 2012
Nimmer ein Zimmer. Bild der Serie „Model Studies“. Foto: T. Demand/VG Bild-Kunst, Bonn 2012

Seine eigenen Modelle zerstört er, weil sie ihm nach dem Fotografieren nicht mehr wichtig sind. In Los Angeles hat Thomas Demand nun festgestellt, dass Aufbewahren auch eine Tugend sein kann, von der andere profitieren. Zu sehen ist das aktuell in der Galerie Esther Schipper, wo der renommierte Künstler in seiner Ausstellung „Model Studies“ mit mehr als nur einem Prinzip bricht.

Statt eigener Pappmodelle hat er die archivierten Schätze aus dem Büro des amerikanischen Architekten John Lautner abgelichtet. Die Motive überwältigen zwar immer noch durch schiere Größe, nehmen aber Abstand vom Illusionären. Demands gewohnte Detailversessenheit weicht dem Imperfekten: Der Karton ist gerissen und mit Klebespuren verunreinigt. Zwar assoziiert man immer noch Architektur. Da aber sämtliche Details bis hin zum Tesastreifen enorm vergrößert wurden, verwechselt man die Miniaturen von Häusern, Fassaden oder Räumen keine Sekunde lang mit den realen Orten.

Demand verlässt sich nicht länger auf Schauplätze, die sich dank ihrer medialen Überpräsenz ins Gedächtnis gegraben haben. Die Badewanne, in der Uwe Barschel starb, die Tosa-Klause oder die verwüstete Zentrale der Stasi haben ihre Funktion als Echo der Realität verloren. Die neuen Arbeiten zeigen Lautners Modelle so pur, prozesshaft und roh, wie er sie in den sechziger Jahren genutzt hat, um seine eigenwilligen architektonischen Ideen zu erproben.

Die zwölf hinterlassenen study models jener Häuser, die fast alle an der kalifornischen Westküste realisiert wurden, stammen aus den heruntergekühlten Depots des Getty Institute in Los Angeles. In ihnen manifestieren sich nicht bloß Lautners architektonischen Visionen. Es wird ebenso sichtbar, was der Architekt überdachte, verwarf und wieder bearbeitete. Demand hat diese Prozesse unter widrigen Umständen fotografisch festgehalten, denn die Konstrukte aus Pappe, Acryl und Papier durften weder aus dem Institut entfernt, noch anständig ausgeleuchtet werden. Umso erstaunlicher ist das Ergebnis: Fragmente fügen sich zu atmosphärischen Raumimpressionen.

In der zeitgleichen Ausstellung der Galerie Sprüth Magers bleibt sich der Künstler weitgehend treu. Und zeigt, neben imposanten Fotografien,unter anderem nach Motiven einer leer geräumten Schlecker-Filiale und dem vollen Depot des Pariser Kunsthändlers Guy Wildenstein, das sich ausschließlich aus gestohlener oder unterschlagener Kunst speiste, den zweiminütigen Animationsfilm „Pacific Sun“ von 2012. Demand hat ihn auf der Basis eines You-Tube-Videos gedreht, das den Speiseraum eines Kreuzfahrtschiffes bei hohem Seegang zeigt. Das Mobiliar rutscht und geht sukzessive kaputt. Die Choreografie ähnelt einem schwerelosen Tanz, bloß die Geräusche wirken real. Und wieder lässt man sich von Demand einfangen, dessen Faible für das Modellhafte bei aller Abstraktion die konkrete Zerstörungskraft des Unberechenbaren sichtbar macht. Christiane Meixner

Galerie Esther Schipper, Schöneberger Ufer 65; bis 20. 10., Di–Sa 11–18 Uhr / Galerie Sprüth Magers, Oranienburger Str. 18; bis 20. 10., Di–Sa 11–18 Uhr

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