Roland Schimmelpfennig : Wie man über Theaterstücke schreibt

Kann man Theater erklären? Kann man über Stücke schreiben? Ja, natürlich, man kann. Gedanken des Dramatikers Ronald Schimmelpfennig

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Theater spiegelt die Zeit. Szene aus Roland Schimmelpfennigs "Hier und Jetzt". -Foto: M. Horn

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Viele der Bewerbungen für den „Stückemarkt 09“ habe ich in Transportmitteln gelesen, in Zügen und in Flugzeugen, ein Stapel von Stücken ist mit mir nach Kanada geflogen und wieder zurück, und eine ganze Reihe von Texten habe ich im Auto gelesen, beim Warten vor der Musikschule, vor dem Schwimmbad, oder zum Beispiel vor Kaczas Farben- und Tapetenladen in der Oranienstraße, da haben sie Tapeten, auf denen Chinesen und Chinesinnen auf Ochsen reiten.

In einem parkenden Auto Stücke zu lesen, ist weit besser, als es klingt, gerade im Winter, es regnet, man sitzt mit einem Theatertext in einer Blase aus Metall, Plastik und Glas, man kann sich konzentrieren, niemand kann stören, und manchmal, wenn man eine Pause braucht, hebt sich der Blick vom Text durch die Fenster des Autos hinaus in die Welt.

Kinder schleppen riesige Schulranzen nach Hause, der Betreiber eines indischen Restaurant holt einen einzelnen Kohlkopf aus seinem Lieferwagen, ein türkischer Händler verkauft Waffeleisen, singende Plastikfische und Leuchtkästen mit der mexikanischen Nationalheiligen Maria de Guadalupe.

Die Leute laufen mit ihren Einkaufstüten auf dem Bürgersteig vorbei, vorbei an der Riesenbaustelle des Kolle Belle, zum Beispiel, das Kolle Belle in der Kollwitzstraße, so heißt der Kasten, wer hat sich diesen Quatsch ausgedacht. Da sind Familien mit Kinderwagen unterwegs, eine alte Frau, die in den Mülltonnen nach Pfandflaschen sucht, und es stehen Handwerker in den Hauseingängen rum, manche fast kahlgeschoren, mit Kippe und Bier, die holen sich dann in der Bäckerei zum Feierabend eine Bockwurst. Zurück aus der Bäckerei auf der Straße geht die nächste Kippe an, Raucherhusten, ein Bauarbeiter schlägt im Stehen die Zeitung auf, nackte Mädchen auf Seite drei. Auf Seite eins: Die Welt geht unter – CRASH, an den Börsen gehen gerade Milliarden verloren, Milliarden in Dollar und in Euro, und es hört nicht auf, es geht immer mehr Geld verloren, das komplette Bankensystem gerät ins Taumeln, das ist die KRISE, keiner weiß, was morgen sein wird.

Die Bockwurst kostet eins fünfzig, steht auf einer Tafel vor der Bäckerei, der Bauarbeiter macht die Zeitung wieder zu, zieht an seiner Kippe. Auf der letzten Seite: ein nacktes Mädchen.

Die Regierungen haben plötzlich irrsinnig viel Geld, so viel Geld gibt es gar nicht, aber wenn es plötzlich so viel Geld gibt, heißt das doch nur, dass es vielleicht noch mehr Geld gibt, irgendwo.

Und all dieses Geld wäre damit vielleicht schon – theoretisch – die ganze Zeit da gewesen, um damit ganz andere Dinge zu tun, Themen könnten einem einfallen wie: Tod und Armut in der Dritten Welt, die Klimakatastrophe, Themen, die irgendwann die Bankenkrise an Relevanz weit überholen werden oder schon längst überholt haben.

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Kann man Theater erklären? Kann man über Stücke schreiben? Ja, natürlich, man kann. Man kann sie zusammenfassen, auf dem Papier charakterisieren, interpretieren. Aber besser wäre doch: Das Theater spricht für sich selbst. Niemand würde auf die Idee kommen, mit den Mitteln der Sprache einem Bild oder einer Skulptur gerecht werden zu wollen, oder einer musikalischen Komposition.

Ein Kunstwerk erteilt Auskunft über sich selbst, es teilt sich mit – im Idealfall. Verspielt, leichtsinnig, fahrlässig, komisch oder akribisch genau, völlig humorlos, dokumentarisch, psychologisch oder rätselhaft, schwer zugänglich, sperrig, düster oder wie auch immer:

Stücke nehmen ihre Zuschauer mit. Oder: Gelungene Stücke nehmen ihre Zuschauer mit, sie machen neugierig, sie stören Gewohnheiten, sie überprüfen geschmackliche Übereinkünfte, ästhetische Verabredungen, sie öffnen Ausblicke, es entstehen neue Blickrichtungen. Diese Stücke entwickeln einen Sog, sie sind unberechenbar, manchmal schwer auszuhalten und trotzdem unwiderstehlich.

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Die Leitung des Stückemarkts lädt die Jury des Stückemarkts nach der letzten Sitzung ins Kino ein. Niemand hat sich zerstritten, alle reden noch miteinander, es gab unterschiedliche Vorlieben, aber niemand musste irgendetwas gegen alle anderen durchsetzen. So unterschiedlich die einzelnen ausgewählten Stücke für die Lesungen und den Workshop auch sind, so bestechend sind sie jedes für sich.

Wir sehen uns „Storm“ von HansChristian Schmid an, es ist die Premiere auf der Berlinale, der Film läuft im Wettbewerb. Roter Teppich.

„Storm“ ist ein großartiger Film. Der Film hat sehr viel mit Theater zu tun, der Film ist in gewisser Weise ein „Stück Arbeit an der Gesellschaft“. „Ein Stück Arbeit an der Gesellschaft“ war der Übertitel des diesjährigen Stückemarkts. „Arbeit an der Gesellschaft“ ist ein großes Wort, nicht jedes große Stück arbeitet sich – auf den ersten Blick – an der Gesellschaft ab, und eine Veränderung der Gesellschaft wird kaum ein Stück erarbeiten – so wie es ein Bild nur selten kann, oder eine Skulptur, oder ein Stück Musik.

Aber: Theaterstücke spiegeln ihre Zeit, vor allem spiegeln sie den Menschen und seine Wünsche, Sehnsüchte, Überforderungen, Fehler, Ängste, seine Unzulänglichkeit und Grausamkeit – und das allein ist schon kompliziert und komplex genug. In einem Theaterstück könnten all die, die an der Blase aus Metall und Plastik und Glas vorbeieilen, ohne einander wirklich zu begegnen, einen gemeinsamen Ort finden – all die unterschiedlichen Leute, die Familien mit den Einkaufstüten, die Frau auf der Suche nach Pfandflaschen, der Bauarbeiter mit der Kippe und der Zeitung, der indische Koch und der türkische Händler mit der mexikanischen Heiligen.

Aber zurück zum roten Teppich: Es bahnt sich im Lauf der Handlung von „Storm“ eine Tragödie an. Ein serbischer Kriegsverbrecher ist vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag angeklagt, aber die Beweislage ist schwierig, es fehlen Zeugen. Schließlich gelingt es einer Staatsanwältin, eine Zeugin zur Aussage zu überreden, die Frau hat systematischeVergewaltigungen und Ermordungen miterlebt, aber schließlich soll sie einem „Justiz-Deal“ geopfert werden, um den Frieden der wachsenden europäischen Gemeinschaft zu schützen. Die Gemeinschaft geht vor, Realpolitik beeinflusst die Justiz. Ein großer Stoff.

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Reihe zehn, Plätze 17 und 18, der Mann neben mir, Stichwort KRISE: Man müsste über diese ganze Sache ein Stück schreiben. Das müsste doch möglich sein.

Meine Frage: Haben Sie nicht mal gesagt, dass all das Geld, all die Milliarden, alles, was jetzt scheinbar verloren gegangen ist, niemals wirklich verloren gegangen ist? Da jedes Geld, auch das „verlorene“, immer noch irgendwo ist?

Antwort: Ja! Kurzes, überraschtes Inneshalten. Ja! Das stimmt! Das Geld ist umgesetzt worden, es ist umgesetzt worden, es sind Dinge gekauft worden – Ferraris oder Häuser – irgendwo ist das Geld hin!

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Wir müssen noch die Sachen von der Änderungsschneiderei abholen, sagt sie, wer geht rein? Du oder ich, einer muss im Auto warten, denn hier kann man nicht parken, du oder ich?

Es regnete, oder schneite es schon? Ich legte den Stapel Stücke auf den Rücksitz und verließ, zuerst widerwillig, die Blase aus Metall und Plastik und Glas.

Dieser Mann hat immer etwas zu sagen, sagt sie noch. Viele Grüße.

Er ist ein wirklicher Meister seines Fachs, dieser Änderungsschneider, er ist in Wahrheit gar kein Änderungsschneider, Herr Blum ist ein wirklicher Schneider, und gleichzeitig repariert er auch noch Schuhe, er ist nebenbei auch noch ein 1-A-Schuster.

Blass, wirklich blass geworden, das war mein erster Gedanke, als ich die Werkstatt betrat, und tatsächlich:

Nein, er konnte die Sachen nicht fertig machen, es hat sich alles verzögert, Pause.

Rückfrage: Oh, was ist denn passiert, Sie waren doch nicht krank. Pause.

Ja, Pause, ich war krank, ich war sogar im Krankenhaus.

Was? Um Gottes willen, wie lange denn?

Pause. Vierzehn Tage.

Erschrecktes Ausrufen: Vierzehn Tage! Sie Armer! Wie schrecklich –

Ja, sagt er, er ist wirklich blass, und Gewicht verloren hat er auch, es war wirklich schrecklich.

Warum, darf ich fragen, was denn los war?

Pause.

Verdacht auf –

Pause.

Aber es ist alles okay. Ich habe gestern den Brief bekommen. Die haben nichts gefunden.

Pause.

Ich: Gott sei Dank.

Er: Ja, Gott sei Dank, aber es war wirklich schrecklich –

Ich: Die Angst –

Er: Die Angst, ja, die dauernde Angst, die Ungewissheit, Pause. Aber wissen Sie, was am schlimmsten war? Die Nächte. Ich kann nachts nicht schlafen, sobald es irgendein Geräusch gibt, verstehen Sie, fünf Leute in einem Zimmer, ich wache bei dem kleinsten Geräusch auf und kann dann stundenlang nicht mehr einschlafen. Einer im Zimmer hing an einer Beatmungsmaschine, er macht das rhythmische Geräusch der Maschine nach – ein Zischen und eine Art Pfeifen.

Und ein anderer, den hatte es wirklich erwischt, den hatte es wirklich wirklich erwischt, kalt erwischt, dessen Nieren waren völlig kaputt. Der Mann sprach kein Wort Deutsch, die Schwestern haben immer gesagt: Verstehen Sie mich, verstehen Sie mich?

Und er – er hatte wahnsinnige Schmerzen, der schrie immer, Tag und Nacht.

Roland Schimmelpfennig, Jahrgang 1967, ist der derzeit meistgespielte deutschsprachige Dramatiker. Seine Stücke werden in vierzig Ländern aufgeführt. Er war Mitglied der Jury für den Stückemarkt des Berliner Theatertreffens, zu dem er in diesem Jahr mit der Züricher Inszenierung seines Stücks „Hier und Jetzt“ eingeladen ist. Am 28. April hat sein „Idomeneus“ am Deutschen Theater Berlin Premiere. Regie führt Jürgen Gosch, der seit Jahren eng mit Schimmelpfennig zusammenarbeitet.

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