Kultur : Rolf Hochhuth: Was wisst ihr von uns?

Rolf Hochhuth

Als der achtzigjährige Cato vor Gericht musste, zeigte er sich am Vorabend so bedrückt, dass ihn ein Jüngerer fragte, was er denn fürchte: Diese Anklage um nichts werde doch im Handumdrehen erledigt sein. Darauf der Uralte: "Sag das nicht, es ist immer sehr schwer, sich vor einer Generation zu verteidigen, die nicht mit uns gelebt hat!" Und Goethe fasste diese gleiche Erfahrung in die Maxime: "Der Alte verliert eines der größten Menschenrechte: er wird nicht mehr von seinesgleichen beurteilt".

Wie wahr das ist, wurde für mich vor einiger Zeit beispielhaft deutlich in einer Fernsehsendung, die auffallend junge Historiker zusammengerufen hatte, um die während des Zweiten Weltkrieges bei Bertelsmann gedruckten Feldpost-Bücher als Nazi-Lektüre "einzustufen". Ich benutzte dieses Wort, das nach Hitlers Ende die von den Alliierten eingesetzten Spruchkammern berüchtigt gemacht haben, weil sie die dort auf ihr Verhalten während der Diktatur durchleuchteten Parteimitglieder "einstuften": in Mitläufer oder Entlastete, in Schuldige oder Hauptschuldige. Dass man dies eigens erklären muss, für Leser unter vierzig, ja, dass auch ich, Jahrgang 1931, jetzt schon im Lexikon nachschlagen muss, um diese vier "Einstufungen" exakt benennen zu können - das erhellt schon unser Problem: die weitgehende Unkenntnis, die eine Generation von der vorangehenden und von der ihr nachfolgenden hat. So weit geht diese Unkenntnis, so radikal ist sie - Radix heißt Wurzel -, dass man mit Fontane folgern muss: Die Geschichtsschreibung kann allenfalls einen bescheidenen Bruchteil der historischen Wahrheit überliefern; und ebensowenig selbst große Dichter, wenn sie Romane und Dramen in stromab gegangenen Zeiten ansiedeln!

Das ist quälend, weil so unvermeidbar mit durchaus wahrheitswidriger Ungerechtigkeit verbunden, dass man fast resigniert. Denn das Atmosphärische einer Epoche, ihre Imponderabilien und Banalitäten, die immer so mit entscheidend, ja, oft allein entscheidend für alle Lebenden sind angesichts ihrer manchmal gravierendsten Probleme, das alles ist nie tradierbar! So hat keiner der in jener "Monitor"-Sendung versammelten jungen "Rechercheure", die vermutlich ausnahmslos erst nach Hitlers Tod zur Welt kamen, noch einen Unterschied zwischen Nazis und Militärs gemacht. Tatsächlich sahen sie zwischen einem Udet, den Zuckmayer in "Des Teufels General" darstellte und der Hitlers Luftwaffe aufbaute, und einem Himmler, der seinem Führer die Gaskammern "schuf", schon deshalb keinen Unterschied mehr, weil sie diesen Unterschied weder kennen noch überhaupt wahrhaben wollen. Mit keiner Silbe erwähnen sie das Militär auch als Widerstandszelle - Benn flüchtete immerhin ins Heer, die "aristokratische Form der Emigration". Und für die Armee, nicht für die Partei, druckte Bertelsmann damals die Feldpostausgaben. Ob so freiwillig, wie in der Sendung unterstellt, das bleibt noch zu klären. Immerhin war der erzprotestantische Verlag in Gütersloh seit Beginn der Kirchenverfolgungen 1934 den späteren Raubmördern mindestens missliebig; ohne Zugeständnisse zu machen, kam aber überhaupt kein einziger Untertan Hitlers davon.

Mitläufer waren alle. Auch später hingerichtete Widerstandskämpfer. Hans Saner, Inhaber der Rechte von Karl Jaspers, hat mich als Deutschen neulich zurechtgewiesen, als ich gegen einen Stasi-Mitläufer polemisierte: "Ich bitte dich, sogar Jaspers hat seine Briefe mit Heil Hitler unterschrieben, was sollte er denn tun!" Jaspers schlich seit 1936 in Heidelberg an der Wand lang, weil er als Professor wegen seiner jüdischen Frau hinausgeworfen worden war; Gertrud Jaspers hat sich in den letzten Kriegswochen versteckt, um nicht noch in letzter Minute ermordet zu werden: Wenn nun einer der jungen Historiker einen Jaspers-Brief mit "Heil Hitler" fände...

Eines der meistverkauften Bertelsmann-Bücher stammte von einem Marineoffizier des Ersten Weltkriegs und schilderte die Vernichtung der deutschen Zerstörer, die für Hitler die Erzgruben in Narvik neun Stunden früher besetzt hatten, als die Engländer sie besetzen konnten. Als mein Bruder 1941 konfirmiert wurde, wählte sein Pfarrer Wepler jenen Commodore Bonte, der im Jahr zuvor mit diesen Zerstörern untergegangen war, als Vorbild für die 14-jährigen in seiner Predigt. Zwei Jahre später hatte dieser Pfarrer das sehr seltene Glück, von einem Richter in Kassel zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt zu werden - statt zur Guillotine -, weil er gesagt hatte, nicht die Russen, sondern der Führer habe die sechste Armee bei Stalingrad zugrunde gerichtet. Ich glaube, die Tatsache, dass Weplers Sohn - unser Fähnleinführer im Jungvolk - gefallen war, wirkte strafmildernd. Dennoch: War nun dieser Richter, zweifellos Parteigenosse, ein Nazi, der den Pfarrer im Zuchthaus Wehlheiden "aufhob"? Hat er den Pfarrer nicht vor den Berliner Justizmördern gerettet?

Dies eben ist das Atmosphärische, das nichts weniger ist als lebensentscheidend für alle, die in einer Diktatur leben und den höchst legitimen Wunsch haben, trotzdem zu überleben - und worüber nichts, nichts in den Büchern festgehalten wird. Was wissen wir - nur eine Frage -, ob nicht die Familie Bertelsmann-Mohn durch das, was dem Bischof Graf Galen in Münster zugestoßen war, zur Vorsicht ermahnt wurde angesichts der Tatsache, seit Generationen christliche Verleger zu sein? Soll man heute, glücksverdummt wie wir alle durch lange Friedensjahre, etwa auf diesen Bischof Galen mit ausgestrecktem Finger weisen - weil er "nur" zur Schonung der Geisteskranken gegen die Nazis gepredigt hat, niemals aber wagte, ein Kanzelwort auch gegen die Judentötung zu sagen? Wer wäre man, dass man dies dürfte? Richten über Taten, sie als unzulänglich denunzieren, während der später nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 hingerichtete Ulrich von Hassell in sein Tagebuch schrieb: "Warum lässt Rom Galen so allein kämpfen?" Richten, während man selber so gänzlich geschont von der Geschichte lebt? Was völlig indiskutabel ist: Dass die im Fernsehen zu Wort Gekommenen mit keiner Silbe erwähnt haben, dass die gesamte Geschäftsleitung von Bertelsmann im Herbst 1944 in Gestapo-Haft kam, erst befreit von den Alliierten!

Die so genannten "glänzenden Beziehungen", die diese 1944 Verhafteten nach Ansicht des jüngsten Historikers in der Fernseh-Runde zu den Nazis gehabt haben sollen - sie können so glänzend kaum gewesen sein. Ich habe, da ich am 15. 5. 1955 als Lektor zu Bertelsmann kam, sie alle noch ziemlich genau kennen gelernt, die heute allein deshalb als Nazis verteufelt werden können, weil sie tot sind und der Moderator unterschlägt, dass sie alle gesessen haben zur Endzeit der Diktatur.

Der Profilierteste der Verhafteten, der später die Idee zum Lesering gehabt hat - das heißt: eine Buchgemeinschaft nicht in Konkurrenz zum Sortimentsbuchhandel zu gründen wie die schon existierenden, sondern eine, die mit dem Buchhandel gemeinsam ihre Bücher verkauft -, dieser Mann wurde von der britischen Besatzungsmacht in Gütersloh dazu ausersehen, die Spruchkammer zu leiten. Er war zu Beginn des Krieges, was er schon zu Ende des vorigen gewesen war: Matrose - kein Offizier. Er ein Nazi? In einer Kleinstadt wie Gütersloh, wo jeder von jedem weiß, kann keiner Nazi gewesen sein, der dann Spruchkammervorsitzender wurde, um über die Verstrickungen seiner Mitbürger zu urteilen. Das sagt die Erfahrung und lehrt die Erkenntnis jener Zeit. Aber wer weiß das heute noch?

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