Kultur : Rolf Hochhuth will mit seinem neuen Stück das Grundgesetz ändern

Wolfgang Kralicek

"Nicht arbeiten zu müssen, doch arbeiten zu dürfen, was man will und so lange man es will, ist vermutlich das höchste Privileg", schreibt Rolf Hochhuth zu seinem neuen Stück. Es heißt "Arbeitslose oder Das Recht auf Arbeit" und verhandelt sein Thema in fünf Bildern. Im Zug nach Karlsruhe begegnen wir einer Rechtsanwältin, die vorm Bundesverfassungsgericht das "Recht auf Arbeit" fürs Grundgesetz reklamieren will. In Berlin-Marzahn hören wir Arbeiterinnen der "abgewickelten" DDR-Lampenfabrik Narva ihr Schicksal und die Machenschaften der Treuhand beklagen. Der Präsident eines internationalen Zigarettenkonzerns (BAT) erwägt die Schließung einer Schweizer Fabrik, die dem Konzern gerade einverleibt wurde; ein in Frühpension geschickter Bankmanager diktiert seinen Abschiedsbrief, ehe er sich die Kugel gibt. Im letzten Akt schließlich wird in Karlsruhe tatsächlich das "Recht auf Arbeit" diskutiert.

Rolf Hochhuth, der große Stoffe-Finder, ist stilistisch ein denkbar kunstloser Autor. Freilich haben seine Stücke mit den elaborierten Theatertexten einer Elfriede Jelinek zumindest eines gemein: So, wie sie geschrieben sind, können sie kaum aufgeführt werden; je weiter sich eine Inszenierung von der Vorlage entfernt, desto besser. Die letzte große Hochhuth-Uraufführung, "Wessis in Weimar" 1993 am Berliner Ensemble, war auch darum so erfolgreich, weil Einar Schleef nur noch Rudimente des Originaltextes erkennen ließ. Von der damaligen Veranstaltung hatte sich Hochhuth distanziert. Dass die Uraufführung seines neuen Stücks, einem Auftragswerk des Salzburger Landestheaters, nun mit seinem Einverständnis stattfand, gibt zu denken.

Allerdings hat auch Regisseur Guido Hounder, einst Intendant des Hans-Otto-Theaters in Potsdam), gemeinsam mit dem Wiener Kabarett-Texter Fritz Schindlecker eine "Fassung für das Salzburger Landestheater" erstellt, die den fünf Szenen einen Rahmen gibt: den einer Fernseh-Talkshow. So verwandelt sich das Landestheater in ein TV-Studio: Links und rechts der Bühne flimmern Monitore, in denen zwischendurch Werbespots zu sehen sind; auch an die obligaten Signale für das Saalpublikum ("Applaus" und "Ruhe") hat man gedacht. Der Sender heißt SSS (Sozial-Sender Salzburg), die Show heißt "Marx am Abend", der Talkmaster heißt Marc Zimmermann und ist im wirklichen Leben tatsächlich als Moderator im ORF-Landesstudio Salzburg tätig.

Dass in einem Salzburger Lokalsender bundesdeutsche Themen behandelt werden, mag in einer von deutschen Touristen überlaufenen Stadt noch angehen; dass der Moderator einer Talkshow so spricht, als wäre er Rolf Hochhuth, ist schon weniger plausibel. Spätestens wenn das Bundesverfassungsgericht "ausnahmsweise" in einem TV-Studio zu einer Sitzung zusammenkommt, wird deutlich, dass das Inszenierungskonzept nicht ohne Gewaltanwendung funktioniert.

Hochhuths Dilemma ist einmal mehr, dass er für seine gesellschaftskritischen Inhalte keine Form findet. Der Versuch, seine Themen in der Form einer Talkshow zu vermitteln, erweist sich als fatales Missverständnis: In einer Talkshow geht es nicht um Inhalte, sondern um Unterhaltung und Selbstdarstellung - wenn schon, hätte man das Stück konsequenterweise als Talk mit einem einzigen Gast inszenieren müssen. Mit Rolf Hochhuth.

Noch im Angesicht des Todes reden die Figuren, als würden sie gerade mit hölzernem Elan ein Thesenpapier formulieren. "Nicht die öffentliche, die veröffentlichte Meinung ist relevant", heißt es da, und andauernd werden Zeitungsartikel zitiert, die dann ihrerseits kommentiert werden müssen. Weil man Hochhuth keine Leitartikel veröffentlichen lässt, schreibt er solche Stücke.

"Arbeitslose" endet nach drei Stunden im Chaos. Eine Gruppe Demonstranten stürmt die Bühne und droht, das Recht auf Arbeit mit Gewalt durchzusetzen. In letzter Minute hat Hochhuth noch ein brandaktuelles Ereignis eingebaut: "Wir werden wie die Demonstranten von Seattle ein Zeichen setzen und dieses Theater anzünden", sagt einer. Obwohl es dann doch nicht so weit kommt, hat der Autor am Ende sein Ziel erreicht: Wer "Arbeitslose" gesehen hat, ist überzeugt, dass das Grundgesetz schleunigst geändert werden muss. Und sei es nur, damit Rolf Hochhuth kein Stück mehr darüber schreiben muss und keine Schauspieler, die wir hier gnädig verschweigen, zu Sprachrohrkrepierern werden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben