Rolf Schneiders Memoiren : Jagdszenen im Osten

Oft Opposition und nie Opportunist: Die Lebenserinnerungen des Schriftstellers Rolf Schneider an die DDR und das seltsame deutsch-deutsche Verhältnis

Hannes Schwenger
Am Ende nachsichtig. Der Berliner Autor Rolf Schneider, 80. Foto: Therese Schneider/Promo
Am Ende nachsichtig. Der Berliner Autor Rolf Schneider, 80. Foto: Therese Schneider/Promo

Ein Leben in Deutschland habe er gelebt, schreibt Rolf Schneider im Untertitel seiner Autobiografie „Schonzeiten“. Das lässt sich schlecht bestreiten, aber für die Verfasser von Literaturgeschichten wird der in wenigen Tagen 81-Jährige ein Autor der DDR bleiben, der in diesem Land keine Schonzeiten erlebt hat, sondern als „kaputter Typ“ und „indiskutabler Literat“ geschmäht und bis über die Grenzen der DDR hinaus drangsaliert wurde.

Aus Hermann Kants Schriftstellerverband wurde er ausgeschlossen, sein ostdeutscher Verlag Hinstorff verweigerte den Druck seines Romans „November“ rund um die Ausbürgerung Wolf Biermanns. Sein Westverlag Luchterhand wurde mit dem Verlust seiner DDR-Lizenzen bedroht, wenn er „so was Perfides“ wie Rolf Schneiders Roman herausbrächte. Der Verlag knickte ein. Ein anderer, der damals in Hamburg ansässige Knaus-Verlag, hatte mehr Mut (allerdings auch nicht Christa Wolfs Verlagsrechte zu verlieren).

Schon zuvor hatte Schneider zum Zorn seiner Zensoren darüber sinniert, ob es zwei deutsche Literaturen oder nur eine gebe – „die westdeutsche. Manche Autoren leben in der DDR“. Er selbst ziehe es vor, nur gute und schlechte Literatur zu unterscheiden. Gut, dass er dabei geblieben ist. Seine Autobiografie jedenfalls ist gute Literatur, besser als die Rechtfertigungsmemoiren seines Verfolgers Hermann Kant und durchaus ebenbürtig den Erinnerungen seines Chemnitzer Landsmanns – und gleichfalls als „kaputter Typ“ geschmähten Leidensgenossen – Stefan Heym.

Beide, die Heimatstadt und den älteren Kollegen, würdigt er liebevoll: Chemnitz als proletarisch geprägte, aber auch kunstsinnige Stadt seiner Kindheit, Heym als Vorbild auch seiner Erinnerungen, die „von mir selbst in der dritten Person handeln, wofür unter anderem die Autobiografie ,Nachruf’ von Stefan Heym die Anregung lieferte“.

Schonend geht der heute in Schöneiche beheimatete Autor auch mit Kollegen und Weggefährten um, die ihm nicht immer freundlich gesonnen waren: Seinen Beleidiger Dieter Noll ignoriert er, über Wolf Biermann verliert er kein böses Wort, obwohl der ihm trotz oder wegen Schneiders Protest gegen seine Ausbürgerung „Opposition aus Opportunismus“ vorgeworfen hatte. Schneider vermeidet solche Töne, auch gegenüber Christa Wolf. Ihr Lavieren 1968, als sie nach dem Einmarsch in die CSSR eine Zustimmungserklärung des Schriftstellerverbands verweigerte, aber im ,Neuen Deutschland’ erklärte, das Land habe nur an der Seite der Sowjetunion eine Überlebenschance, nennt er nur „unbegreiflich“.

Er selbst ist, entgegen anderslautenden Gerüchten – und deren gab es viele in Ost und West, wenn ihm Geheimdienstkontakte wahlweise zum KGB, zur Stasi oder (von dieser) zu westlichen Diensten unterstellt wurden –, oft in Opposition, aber nie Opportunist gewesen. Einen Anwerbeversuch der Stasi hat er aktenkundig zurückgewiesen, die Mitarbeit an „Sinn und Form“ schlug er aus Protest gegen Peter Huchels Entlassung aus.

Als er im Jahr 1967 als erster DDR-Autor den bundesdeutschen Hörspielpreis der Kriegsblinden erhielt, nahm er ihn gegen den Wunsch der SED ebenso an wie eine Einladung zur Gruppe 47. Als Herausgeber der DDR-Ausgabe von Robert Musil und Freund von Hans Weigel und Friedrich Torberg schätzte man ihn in Österreich so sehr, dass Bruno Kreisky ihn bei seinem Besuch in Ost-Berlin zum Frühstück bat und seinetwegen die DDR-Funktionäre warten ließ. Dass Rolf Schneider trotzdem als Devisenbringer reisen durfte, mag ihm, wie er vermutet, allerdings den Neid einiger Kollegen „wegen meiner offenbar mühelosen Grenzüberschreitungen“ eingetragen haben.

Doch er war nicht der erste und nicht der letzte DDR-Autor, der mit einem Dauervisum einige Jahre im Westen lebte und in die DDR zurückkehren konnte. Den Fall der Mauer hat er am Fernsehschirm in Wien erlebt, den Tag der deutschen Einheit zu Hause in Berlin. Für ihn war es „alles in allem genommen, ein glücklicher Tag... Militärparaden fanden nicht statt. Die Bundesrepublik war und blieb ein ziviler Staat, was ich für ihren größten Vorzug halte“.

Was aus der DDR hätte werden können, hat er in seinem 1991 entstandenen Horrorszenario „Blutmontag“ (in: „Versuch über den Schrecken“, Hinstorff-Verlag 1995) als „chinesische Lösung“ der Leipziger Montagsproteste skizziert. Von diesem wie von seinen übrigen Büchern ist in seinen Erinnerungen kaum etwas zu lesen. Das ist ein schönes Zeichen mangelnder Eitelkeit und ein Grund mehr, auch sie noch einmal zur Hand zu nehmen.

Rolf Schneider: Schonzeiten. Ein Leben in Deutschland. Be.bra-Verlag, Berlin 2013. 316 S., 22 €. – Der Autor stellt sein Buch vor: Dienstag, 9.4., 18 Uhr, Anna-Seghers- Gedenkstätte (Anna-Seghers-Str. 81); Donnerstag, 11.4., 20 Uhr, Buchlokal (Ossietzkystr. 10); Freitag, 12.4., 20 Uhr, Literaturhaus (Fasanenstr. 23)

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