Kultur : Rolle rückwärts

In Tony Scotts Science-Fiction-Thriller „Déjà Vu“ kämpft Denzel Washington gegen die Zeit

Christian Schröder

Zeitmaschinen hat man im Kino schon oft gesehen. Meistens sind es raketenartige Geräte, mit denen Helden auf Knopfdruck in eine ferne Zukunft oder in die prähistorische Welt der Dinosaurier befördert werden können. Sobald die Rückfahrt angetreten werden soll, kommt es dann zu Komplikationen. Ruckelnd und stotternd gibt das Gerät seinen Geist auf, und der Held droht zum Gefangenen eines meist ziemlich unangenehmen Paralleluniversums zu werden.

Das ist im Prinzip auch der Plot von „Déjà Vu – Wettlauf gegen die Zeit“. Weil der Film aber vom Blockbuster-König Jerry Bruckheimer („Pearl Harbor“, „Fluch der Karibik“) produziert und vom Action-Spezialisten Tony Scott („Top Gun“, „Der Staatsfeind Nr. 1“) inszeniert wurde, wartet er nicht nur mit beeindruckenden pyrotechnischen Verpuffungen auf, sondern auch mit einer interessanten dramaturgischen Innovation. Denn die Zeitmaschine, mit der der FBI-Agent Doug Carlin (Denzel Washington) ein Verbrechen nicht bloß aufklären, sondern auch rückwirkend verhindern soll, kann ihn nur 24 Stunden in die Vergangenheit transportieren. Danach beginnt der Kampf gegen die Zeit.

Am Anfang explodiert eine voll besetzte Fähre im Hafen von New Orleans. Brennende Körper wirbeln durch die Luft, Leichen treiben im Wasser, kein schöner Anblick. Bald darauf wechselt „Déjà Vu“ sozusagen seine Laufrichtung. Der Anfang wird – eine originell vertrackte Konstruktion – zum schlimmstmöglichen Ende, das verhindert werden muss. Carlin ist dabei durchaus auch von persönlichen Motiven getrieben. Er will die Menschen auf der Fähre, vor allem aber eine junge Frau (Paula Patton) retten, deren Leiche er aus dem Wasser gezogen hat. „Sie ist wunderschön“, sagt er beim Anblick ihres Körpers in der Anatomie. „Déjà Vu“ – übrigens der erste nach dem Hurrikan Katrina in New Orleans gedrehte Film – ist auch ein deutlich nekrophiler Thriller.

Denzel Washington macht seine Sache als kühl ermittelnder Cop gut, sein Stoizismus ist mit lodernder Leidenschaft unterlegt. Paula Patton, bekannt geworden mit der Komödie „Hitch“ und zuletzt im Hiphop-Musical „Idlewild“ zu sehen, ist als Rückkehrerin aus dem Reich der Toten für ihn zunächst mehr eine Erscheinung als ein Wesen aus Fleisch und Blut, eine Unberührbare. Als er sie auf den riesigen Computerschirmen des FBI-Geheimlabors zum ersten Mal sieht, legt er seine Hand auf ihr Bild.

Leider interessieren sich Bruckheimer und Scott nicht besonders für diese geisterhafte Romanze, ihnen geht es vor allem um die Rasanz der Geschichte. Carlin findet einen Anruf der Toten auf seinem Anrufbeantworter und – obwohl er sich nicht erinnern kann, jemals dort gewesen zu sein – seine eigenen Fingerabdrücke in ihrer Wohnung. Auch Ermittlerdialoge wie „Er wird sie in zwölf Stunden umbringen“ – „Er hat sie schon vor vier Tagen ermordet“ fehlen nicht.

Die Auflösung bietet alle Kniffe eines mit Schusswechseln, Verfolgungsjagden und Feuerbällen aufgemotzten Action-Spektakels. Allerdings leidet sie stark darunter, dass der Zuschauer Déjà-vu-artig den jeweils nächsten Schritt der Handlung immer schon vorher kennt. So ist „Déjà Vu“ zwar nicht sonderlich spannend, fügt dem Science-FictionGenre aber immerhin eine bemerkenswerte neue Facette hinzu.

In 20 Berliner Kinos. OV im Cinestar Sony-Center

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