Kultur : Rollen, Modelle

Peter Herbstreuth

In ihrer sechsten Einzelausstellung in der Galerie Mehdi Chouakri setzt die 1963 in Stuttgart geborene Isabell Heimerdinger neue Akzente (Holzmarktstraße 15 – 18; bis 20. Dezember). Offenbar fand sie Fragen nach „Authentizität“, die bislang ihre Arbeit bestimmten, ähnlich ermüdend wie so mancher Betrachter, der das Hin und Her zwischen echt und gespielt, authentisch und posiert eher als Problem protestantischer Milieus erkannte. Im Grunde war das Thema längst auf neuem Spielstand, als der Kritiker Craig Owens 1992 schrieb, eine Pose sei eine täuschende Aneignung und bemesse ihre Authentizität im szenischen Bezug: no play, all game. Doch Heimerdinger gehorchte einem resistenten Essenzialismus und suchte das wahre Wesen der Akteure. Jetzt überlässt sie die Beantwortung den Psychoanalytikern und kreiert in der Galerie eine Bühnen-Landschaft mit einer Pyramide aus 33 Kuben, einem Bonsai, Porträtfotos und einer Stimme, die davon spricht, wie sich ihr Körper zur Pyramide verhält – eben das reflektiert, was auch die anwesenden Besucher bewegt. Das sprechende Rollenmodell wird zur Möglichkeit, wie man sich in der Installation verhalten kann, nicht die einzige, nicht die wahre, aber immer gegenwärtige. Alles Bühne, alles gut. Jeder wird in dieser sehenswerten Schau zum möglichen Schauspieler (Preise zwischen 500 und 15 000 Euro). Der Galerist wird nach der Ausstellung in die Invalidenstraße ziehen, im März wiedereröffnen.

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Bereits umgezogen ist die Galerie Jesco von Puttkamer an den eleganten Strausberger Platz 3. Er zeigt den erstaunlichsten Porträt-Block, den es gegenwärtig auf dem Malereimarkt gibt. Albrecht Schnider malte 24 gesichtslose Köpfe, die unter dem Blick des Schauenden wie eine dämonische Versammlung ihre Augen langsam aufschlagen, dann sich als Figuren in abstrakte Farbflächen auflösen, um schließlich wieder menschenähnlich zu werden: Porträt und Abstraktion in einem. Schniders Bilder speisten sich schon immer aus konstruktiver Dynamik. Doch seit er sich mit hochglänzendem, scharf umrissenen Weiß und dem Sichtbaren in der Unsichtbarkeit beschäftigt, gewinnt die Nichtfarbe formbildende Kraft: als ideale Projektionsfläche, aber auch als großes Rätsel – dies um so mehr, da die Köpfe als Kollegium, Bankvorstand, Ahnenreihe oder Gespensterclub auftreten und als Phantasma wieder verschwinden. Sie sind nicht ganz geheuerlich, gerade weil sie nicht expressiv gemalt, sondern reine Konstruktionen sind. Das Weiß, man glaubt es kaum, hat in der Malerei noch unausgeschöpfte Möglichkeiten. Und bei Schnider wie nirgends sonst (Preise ab 9500 Euro).

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Der mobile Kurator Asim Chunghtai hat aufgehört, von einem Ort zum anderen zu ziehen und soeben seine Galerie mit Architektur-Dekor unter dem Recherche-Blick von Martin Pfeifle (Chausseestraße 104; bis 14. Januar) eröffnet. Er bespielt aber weiterhin glue (Greifswalder Straße 223; heute und morgen) mit short cuts von Ian Stenhouse & Martin Reinhold : „Confessions of a Teenage Model Maker“ – für alle, die Rollenfragen und Modelle als Generationsfrage auffassen.

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