Kultur : Rollentauscher

Ein Late-Night-Konzert mit Rattle in der Philharmonie.

von

Keine Henze-Aufführung ohne Gedenkworte: „Er hinterlässt eine riesige Lücke in unserem kreativem Leben“, sagt Simon Rattle, bevor er den Taktstock zu der Kantate „Being Beauteous“ hebt. Er hat damit natürlich recht. Doch wie viele Komponisten des 20. Jahrhunderts hinterlässt Henze auch ein riesiges Werk, das größer ist als die Lücken, welche traditionelle Konzerte ihm lassen. Die ganz der Musik der Moderne gewidmete „Late Night“-Reihe der Berliner Philharmoniker ist der geglückte Versuch, dieser Musik Luft zum Nachleben im Nachtleben zu verschaffen. Neben der Kammermusik op. 24 Nr. 1 von Hindemith, die bei Rattle fast ein wenig nach Britten schmeckt (und dadurch gewinnt), kann sich Henzes Kantate gut behaupten. Im Konflikt zwischen imaginierter Schönheit und erlebter Begierde bieten die vier Cellisten der Philharmoniker mit sinnlichem Vortrag den stärkeren Part, den Barbara Hannigan mit ihren gläsern geschliffenen Koloraturen oft nur im feinsten Pianissimo umspielt.

Eine Entdeckung im Bereich der publikumswirksamen Moderne ist William Waltons „Façade“ für Sprecher und sechs Instrumente auf Texte der exzentrischen Dichterin Edith Sitwell. Rattle und Hannigan betonen den Performancecharakter des 1922 entstandenen Werks, indem sie nach jeder Nummer die Rollen zwischen Dirigent und Sprecher tauschen. Das ist nett und gut gemacht – doch der tiefere Reiz des Stückes, das Ausloten der Übergänge von musikalischer und sprachlicher Logik, entfaltet sich nur, wenn die beiden Perfektionisten an ihren angestammten Pulten stehen. Carsten Niemann

0 Kommentare

Neuester Kommentar