Kultur : Rom, Blicke

AUSSTELLUNG

Christian Huther

Der Berliner Schneidersohn war ehrgeizig und selbstbewusst. Kaum war er 1785 in Rom angekommen, zeichnete er antike Skulpturen, banale Alltagsszenen und seine junge Familie. Um Kontakte kümmerte er sich wenig. Rasch galt der 21-jährige Johann Gottfried Schadow als Sonderling. Aber in den zwei Rom-Jahren erlebte er seinen künstlerischen Durchbruch: Sechs Skizzenbücher füllte er mit 180 Zeichnungen. Sie schlummerten lange in der Berliner Akademie der Künste unter tausend späteren Blättern, die nach dem Tod des bedeutendsten Bildhauers des deutschen Klassizismus erworben wurden. Jetzt sind erstmals 110 Rom-Zeichnungen im Goethe-Museum in Frankfurt am Main zu sehen (bis 9. 2.; danach Hamburg und Stendal; Katalog 11,80 €).

Die Schau zeigt Überraschendes. Schadow konzentrierte sich zwar auf antike Skulpturen, mied aber Populäres wie den „Apoll vom Belvedere“. Sein Interesse an Körperbau und -stellung ist dennoch spürbar. Später dienten ihm die Kreidezeichnungen als Inspiration. Es finden sich erstaunlich wenig akademische Blätter: Selbst Torsi von Aphroditestatuen skizzierte Schadow in zarten Umrissen, als handele es sich um lebendige Frauen. Schließlich widmet sich die Schau der Beziehung zu Goethe, der ein Jahr später nach Rom aufgebrochen war. Begegnet sind sich die beiden dort nie. Erst 1797 bat Goethe ihn um Illustrationen für „Hermann und Dorothea“. Doch Schadow sagte ab, es kam zum Streit. Damals karikierte er Goethe auf dem Dichterthron; darunter balancieren die Gebrüder Schlegel auf einem Bücherstapel – und Novalis auf Stelzen.

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