Kultur : Rom leuchtet

Kleine italienische Filme erobern den Kontinent: Giuseppe Piccionis „Licht meiner Augen“

Christina Tilmann

Schönheit schützt vor Unglück nicht. Maria (Sandra Ceccarelli) ist schön, keine Frage: die sich widerspenstig ringelnden Locken, das klare, ausdrucksvolle Profil, der herbe Mund, die dunklen Augen. Eine Temperamentsfrau: Man muss sie nur sehen, wie sie mit ihrer Vespa nachts die Straßen entlangbraust oder sich tags mit den Kunden in ihrem Tiefkühlkost-Laden anlegt. Auch die Beziehung zu ihrer Tochter Lisa (Barbara Valente): Temperament auf beiden Seiten. Man liebt sich, nervt sich, beschützt sich heimlich und kehrt doch nach außen beiderseits die Unabhängige heraus.

Und doch ist Maria unglücklich. Sie hat hohe Schulden, arbeitet auf Jahre hin nur für ihre Gläubiger. Sie ist alleinerziehend, die Sozialhilfe sitzt ihr im Nacken, kontrolliert ihren Umgang mit der Tochter, möchte das Kind am liebsten zu den Großeltern gegeben wissen. Und, schlimmer noch: Maria ist zerfressen von Angst und Komplexen. „Meine Mutter hat mir immer gesagt, dass ich nichts wert bin“. Das glaubt sie bis heute. Und kann daher gar nicht fassen, dass da einer auftaucht, der sie wunderbar findet, ohne Hintergedanken. Wie kann man Liebe erkennen, wenn man sich selbst nicht liebt? Nicht nur die Hähnchenbeine in ihrer Kühltruhe sind tiefgefroren, auch eine Seele kann fühllos abgestorben sein.

Moderne Frauen, einsam, hart und desillusioniert: Giuseppe Piccionis „Licht meiner Augen“ ist ein Italienfilm, wie er in den letzten Jahren häufiger auch ins europäische Kino gefunden hat – wenn auch mit Verspätung: „Licht meiner Augen“ wurde 2001 in Venedig gefeiert. Der Film ist kein Romantiktrip wie „Brot und Tulpen“, stattdessen zeigt er hartes Leben, kühle Bilder, deprimierte Menschen. Cristina Comencinis „Der schönste Tag in meinem Leben“ war so ein Film: eine schräge Familienfeier, auch schon mit der wunderbaren Sandra Ceccarelli. Oder Marco Tullio Giordanas „100 Schritte“: ein Mafia-Film als Emanzipationsgeschichte. Oder auch Emanuele Crialeses „Lampedusa“: ein Straßenkindermelodram. Ettore Scolas „Gente di Roma“ kommt im Januar ins Kino, eine Irrfahrt durch die ewige Stadt, zwischen Arbeitslosen, Obdachlosen, Hoffnungslosen. Das Leben ist hart, auch im Touristensehnsuchtsland Italien.

Auch „Licht meiner Augen“ zeigt Rom nicht als schöne Kulisse, sondern kühl und hässlich, in den Außenbezirken, wo die Wohnblocks ärmlich sind. Schon in Piccionis letztem Film „Nicht von dieser Welt“ waren es die umbarmherzigen Seiten der Großstadt, die eine junge Nonne an ihrer Berufung zweifeln ließen. Diesmal ist es ein männlicher Engel: Luigi Lo Cascio ist Antonio, Chauffeur und vor allem Science-Fiction-Fan, der für Maria erst seinen Job, dann fast sein Leben riskiert. Und doch gewinnt: erst das Vertrauen der kleinen Lisa, dann, ganz langsam, auch die Liebe der Mutter. Irgendwann wird es ihm zu viel – und wie die beiden sich dann wiederfinden, ist das eigentliche Wunder des Films. Da leuchtet Rom dann doch wieder.

Balazs, Broadway, Filmtheater am Friedrichshain

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