Roman: "A wie B und C" : Leere Mädchen

Vom Verlust der Körper in medialen Welten: Alexandra Kleemans Debütroman „A wie B und C“.

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Der Originaltitel des ersten Romans der jungen amerikanischen Schriftstellerin Alexandra Kleeman könnte eine Art Körper-Optimierungs-Parole aus einer Dauer-Werbesendung sein: „You Too Can Have A Body Like Mine“. Auf Deutsch heißt das: „Auch du kannst einen Körper wie meinen haben“. In der deutschen Übersetzung von Guntrud Argo und Michael Kellner wird dieser Debütroman allerdings, auch das ist keineswegs verkehrt, auf eine interessante mathematische Formel gebracht: „A wie B und C“.

A, B und C sind die Figuren in diesem experimentellen Versuch über den schon auch sehr desillusionierenden Alltag einer jungen Frau. Die Erzählerin A leidet nicht nur an einer ausgeprägten Essstörung und einem fast wahnhaften Beobachtungszwang, sondern zudem an den Erwartungen, die ihr medial und von ihrer unmittelbaren Umwelt entgegenschlagen. B wiederum ist ihre nicht minder angespannte Mitbewohnerin und C der recht nüchterne, teilnahmslose Freund, der am liebsten Dokumentationen über Haifische sieht.

A wird zusehends zur Unbekannten in dieser Gleichung, das heißt: Sie wird sich selber fremd. Aber je mehr sie von sich wegdriftet, desto genauer registriert sie, was außen vor sich geht, desto seltsamer erscheint ihr selbst ihr Innenleben. Nichts entgeht der Wahrnehmungsgereiztheit dieser Mittzwanzigerin, nichts kommt ihr fraglos oder ungezwungen vor: „In meinem Körper gibt es kein Licht. Glitschige Massen pressen auf sich selbst ein, Gebilde stoßen ohne Orientierungssinn aneinander. Sie entstehen einfach so unaufgeräumt. Du legst die Hand auf Deinen Bauch und drückst ins Weiche, versuchst mit den Fingern nachzuhorchen, was da los ist. Da drinnen könnte alles Mögliche sein.“

Groteske Horrorgeschichte um den Kult des Essens

Um den weiblichen Körper und welche Bilder des Körpers im Umlauf sind – darum drehen sich viele Szenen dieses fast gespenstisch anmutenden Romans, in dem die Figuren allesamt mit dem alten Medium Fernsehen zu verschmelzen scheinen. Das Gerät läuft hier schön heiß, strahlt seine verführerisch-zerstörerischen Spots aus, dringt in den Seelen- und Fantasiehaushalt der Protagonisten ein. Das Fernsehgucken wird obsessiv betrieben; die Zeichentrick-Clips zum Beispiel über Kandy Kakes, eine Art künstlicher Kuchen, saugen A geradezu auf.

Im zweiten Teil von „A wie B und C“ entsteht um den Kult des Essens sogar eine ins Groteske spielende Horrorgeschichte, in dessen Zentrum eine Ernährungssekte steht. Die Konsum- und Wellness-Industrie absorbiert alles. Wenn A mit ihrem Freund C zusammen Geschlechtsverkehr haben will, geht das nur vor dem Fernsehschirm, über den pornografische Bilder schimmern.

Dieser beängstigende und in seinen beängstigenden Momenten sehr genaue, mitunter komische Roman wurde in den USA gelesen als entlarvende Erzählung über den heutigen Schönheitswahn, als sprachmächtige Farce unkontrollierten, suchtartigen Konsumverhaltens. All das mag stimmen. Im Kern aber wird ein alter literarischer Topos der Moderne durchgespielt: Wie man sich selbst abhanden kommen kann, wie sich der eigene Körper inmitten einer letztlich körperfeindlichen Umwelt aufzulösen scheint, wie die eigene Identität von anderen Identitätssuchern bedroht wird.

Selbstverlusterkenntsnis einer unsicheren, ziellosen Generation

Zuweilen muss man an Barbet Schroeders Film „Weiblich, ledig, jung sucht…" mit Bridget Fonda und Jennifer Jason Leigh in den Hauptrollen denken, eine Art Psychothriller über eine Frau, die sich das Leben einer anderen komplett aneignen will. Auch B will so sein wie A, die darüber ihr eigenes Ich zu verlieren droht. Die beiden jungen Frauen wohnen zusammen in einer Wohngemeinschaft, ihre Beziehung gerät mehr und mehr außer Kontrolle. Sie sind sich spiegelnde Charaktere, die im Spiegel zu verschwinden scheinen. „Ich saß da und dachte, dass genau jetzt B in meinem Zimmer sein und alle meine Sachen berühren könnte. Und meine Sachen würden den Unterschied nicht einmal bemerken.“

Es sind solch geradezu hellsichtig-paranoiden Beobachtungen, die die tiefe Leere erahnen lassen, von der sich die Figuren magisch angezogen fühlen oder in die sie haltlos stürzen könnten. Tatsächlich transportieren viele Szenen eine zeitdiagnostische Wahrhaftigkeit, die ernüchternde Selbstverlusterkenntnis einer unsicheren, ziellosen Generation, die sich nur noch schwerlich hinter Make-up, Humor oder Zynismus verbergen lässt. Zuweilen hat man das Gefühl, Douglas Couplands „Generation X“ über die Slacker der neunziger Jahre sei mit diesem Roman von Kleeman auf den neuesten Stand gebracht worden.

Altkluge Lust am Überzeichnen

Aber vielleicht mutet man der 1986 in Colorado geborenen und heute in New York City lebenden Autorin damit doch zu viel zu. Denn es gibt durchaus einige geschwätzige Passagen in diesem Erstlingsroman, eine zuweilen etwas altkluge Lust am Überzeichnen und eine nach und nach sich in Larmoyanz erschöpfende Stimmung.

Zu erwarten ist aber in den nächsten Jahren noch viel von der Autorin und Schriftstellerin Alexandra Kleeman. Sie hat in den USA bereits eine beachtliche intellektuelle Karriere gemacht, veröffentlicht in renommierten Zeitschriften wie „Harpers“, „n+1“ oder dem „New Yorker“ und wurde für „You Too Can Have A Body Like Mine“ vielfach ausgezeichnet und gerühmt.

Alexandra Kleeman: A wie B und C. Aus dem Englischen von Guntrud Argo, Michael Kellner. Verlag Kein und Aber, Zürich 2016. 352 Seiten. 21,90 €.

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