Roman "Die Großwäscherei" : Der Schweiß des Jahrhunderts

Der Andor Endre Gelléri starb im KZ Mauthausen an Typhus, wenige Tage nach dessen Befreiung. Nun wird sein Roman „Die Großwäscherei“ aus dem Budapest der 20er Jahre wiederentdeckt.

Sabrina Wagner
Budapest um 1918: Straßenbettler mit Ziehharmonika
Budapest um 1918Foto: picture alliance/IMAGNO/Sammlung Hubmann

In der Budapester Császárok utca pulsiert das Leben. Von überallher strömen Menschen in die enge Straße, gestikulieren geschäftig und treiben schreiend Handel. Hühner und Enten gackern und schnattern aus Käfigen, Pferdewagen kreuzen. Zwischen bunten Schaufenstern und eisernen Werkstatttüren liegt der Eingang zur Dampfwäscherei Phönix. In fünf engen Räumen schuften hier an die hundert Menschen. Der Geruch gereinigter Wäsche steigt einem in die Nase, Benzin und Chlor liegen in der Luft. Das Zischen der Geräte mischt sich in ein monotones Schleudern, Rattern und Trommeln der Maschinen.

Schon die ersten Sätze von Andor Endre Gelléris Roman „Die Großwäscherei“ nehmen den Leser hinein in die heiße Feuchtigkeit der Wäscherei. Es ist ein großes Geschenk, dass der auf Neuübersetzungen vergessener nord- und osteuropäischer Autoren spezialisierte Guggolz Verlag deutsche Leser nun mit dem einzigen Roman des Ungarn (1906–1945) bekannt macht. Denn in den Jahren nach 1940 wurde der jüdische Autor, der zu den Autoren der wegweisenden Zeitschrift „Nyugat“ (Westen) gehörte, in mehrere Arbeitslager deportiert und starb 1945 nach einem Todesmarsch in das KZ Mauthausen an einer Typhus-Infektion – wenige Tage nach dessen Befreiung. Er verschwand in den Wirren der Zeit wie der bedeutende Lyriker Miklós Radnóti oder der Erzähler Antal Szerb, dem mit seiner „Reise im Mondlicht“ noch einmal eine späte Wiederentdeckung vergönnt war.

In Gelléris letzten Jahren entstanden Teile eines autobiografischen Romans, der unvollendet blieb. Daneben hinterließ der bei seinem Tod gerade 39-Jährige Kurzgeschichten und Novellen, von denen einige 1969 in einem Band der Bibliothek Suhrkamp erschienen. Vom November 1930 an war sein Roman zunächst in Fortsetzungen in der Tageszeitung „Magyar Hírlap“ erschienen, im Jahr darauf überarbeitet als Buch.

Melancholie mischt sich mit Erotik

Mit Bedacht und Empathie hat die Übersetzerin Timea Tankó ihn nun, nachdem 1962 in der DDR schon eine erste Übertragung erschienen war, ins Deutsche gebracht und einen sehr eigenen Stil gefunden. Zwischen sperrig, zurückhaltend und wagemutig changiert der Ton. Ungewöhnlich, zuweilen fast mystisch muten die Personifizierungen der Maschinen und Dinge an – eine Besonderheit des Ungarischen im Allgemeinen und des „Gellérischen“ im Besonderen, wie Tankó in ihrem Nachwort erläutert.

„Die Großwäscherei“ ist ein in jeder Hinsicht sinnlicher Roman: sinnlich, indem Gelléri den Leser an allen Eindrücken mitreißend physisch teilhaben lässt, sinnlich auch, indem zwischen vielen Figuren ein hohes Maß erotischer Spannung herrscht. Gleichzeitig ist er ungeheuer melancholisch. Die Not der Arbeiter, Armut, Angst und Verzweiflung auf der einen und Ausbeutung, Willkür und Machthunger der Vorgesetzten auf der anderen Seite bestimmen die Geschichten, die ihren Ausgang und ihr Ende in der Wäscherei Phönix nehmen.

Da ist Tir, der Heizer, der von der Befreiung der Arbeiter träumt. Es zieht ihn nach China, seit er in der „Volkszeitung“ von der großen Revolution gelesen hat. Oder Angelow, der, alles still ertragend, die Arbeit von mindestens zweien für einen Hungerlohn verrichtet, zeitweise obdachlos seine Nächte im Park verbringt. Nachdem er eine Wäschelieferung verfärbt hat, versucht er, sich das Leben zu nehmen. Beträchtlichen Anteil an dieser Verzweiflung trägt sein Vorgesetzter Novák. Gerade erst hat er sich zum Betriebsleiter hochintrigiert. Mit sadistischer Freude nutzt er die neue Macht zur Schikane der Arbeiter. Und dann ist da Jenö Taube, der „wohlbeleibte, vom Glück begünstigte Eigentümer“ der Wäscherei. Träge verdämmert er den Tag meist in seinem Büro.

Zu Hause bei seiner ihn treu umsorgenden Ehefrau ist er kaum. Wie könnte er auch, hat er doch nach eigenen Angaben mit rund 700 Frauen geschlafen. Die Wäscherinnen stehen ihm allzeit zur Verfügung. Und doch beherrscht ihn eine tiefe Traurigkeit, zu der erst Ängste, dann Zwänge, schließlich Panikattacken kommen. Am Ende wird ihm ausgerechnet eine zum Wahn gewordene Schmutzphobie zum Verhängnis.

Gelléri verdiente Lebensunterhalt mit Lohnarbeit

Andor Endre Gelléri kennt die Welt, die er hier so plastisch verewigt hat, aus eigener Anschauung, und man findet sie heute noch in den Sweatshops des asiatischen Kontinents. In einer jüdischen Arbeiterfamilie in Budapest geboren, wuchs er zwischen Tagelöhnern, Dienstboten und Wäscherinnen auf. Auch als er bereits mit ersten Texten Erfolg hatte, Preise gewann und Stipendien erhalten hatte, musste er seinen Lebensunterhalt immer wieder mit Lohnarbeit verdienen – und das auch in einer Wäscherei, wo er eine Ausbildung zum Färber begann. Doch es ist nicht das autobiografisch Verbürgte, das den Roman so faszinierend macht, es sind die Momente, in denen er die Grenze zum Surrealen berührt und ins Traumhafte wechselt. Der große Erzähler Dezsö Kosztolányi, dem deutschen Publikum erst vor wenigen Jahren von Péter Esterházy zur Wiederentdeckung empfohlen, nannte Gelléris Stil einen „märchenhaften Realismus“. Da taucht eine Schauspielerin wie aus dem Nichts auf, verbringt eine Nacht im Keller des Heizers Tir und verschwindet wieder. Oder ein kleiner Junge tanzt und singt plötzlich im Hof der Wäscherei. Niemand kennt ihn, weiß, woher er kommt.

Solche Bilder sind die kurz aufflackernde Hoffnung, die Erinnerung an ein Leben jenseits der zermürbenden Arbeit, das Versprechen auf ein wenig Glück. Sie verhindern die endgültige Resignation, durchbrechen den Fatalismus der Verzweifelten. Dieser Trost, diese letzte verbindliche Zusage an das Leben, berührt den Leser, wie es Literatur nur in ihren besten Momenten vermag.

Andor Endre Gelléri: Die Großwäscherei. Roman. Aus dem Ungarischen von Timea Tankó. Guggolz Verlag, Berlin 2015. 221 Seiten, 22 €.

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