Roman : Die Hauptstadt des Geldes

John Lanchesters großer London-Roman „Kapital“ ist Gesellschaftspanorama und Finanzkrisenstudie zugleich - und erzählt außerdem vom Leben in einer der teuersten Städte der Welt.

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Money makes the world go round. Das Millennium Eye und der Palast von Westminster.
Money makes the world go round. Das Millennium Eye und der Palast von Westminster.Foto: Simon Warren/Arcaid/laif

Schon der Titel dieses Romans deutet darauf hin, worin es auf seinen fast siebenhundert Seiten bevorzugt geht: um Geld. Darum, es zu haben, ganz real; darum, damit zu arbeiten, eher abstrakt; und darum, tagtäglich danach zu streben. Wer dann noch das Glück hat, ein Haus in jener Straße im Süden Londons zu bewohnen, die zentraler Schauplatz dieses Romans ist, der Pepys Road, dem kann kaum noch was passieren, zumindest finanziell: „Dann war das so“, schreibt der britische Journalist und Schriftsteller John Lanchester im Prolog von „Kapital“, „als befände man sich in einem Spielkasino mit Gewinngarantie. Wohnte man bereits dort, war man reich. Wollte man dort hinziehen, musste man reich sein. Es war das erste Mal in der Geschichte, dass dies der Fall war. Großbritannien war zu einem Land von Gewinnern und Verlierern geworden, und alle Menschen in dieser Straße hatten allein durch die Tatsache, dass sie dort wohnten, gewonnen.“

Das Imposante an „Kapital“ ist, dass der 1962 in Hamburg geborene und in Hongkong aufgewachsene John Lanchester auch die andere, im Original deutlicher werdende Bedeutung seines Titels ernst nimmt, „Capital“, Hauptstadt. Um nicht weniger als einen Großstadtroman des beginnenden 21. Jahrhunderts geht es ihm, um ein Gesellschaftspanorama, das an die großen Gesellschaftsromane aus dem 19. Jahrhundert erinnert, an die eines Balzac oder eines Charles Dickens. Und so spielen die vermeintlichen Verlierer bei Lanchester eine genauso wichtige Rolle wie die Gewinner und Wohneigentümer der Pepys Road

Denn natürlich sind da noch die Kindermädchen, Hausangestellten und Handwerker, die in dieser Straße ihrer täglichen Arbeit nachgehen. Oder die Politesse, die hier für eine private Verkehrsüberwachungsfirma Strafzettel verteilt: Quentina Mkfesi aus Zimbabwe, eine Asylbewerberin, deren Antrag zwar schon abgelehnt wurde. Die aber auch nicht zurück in ihr Heimatland abgeschoben werden kann, „weil berechtigte Gründe zu der Annahme bestanden, dass man sie dort ermorden würde. Von da an war Quentina rechtlich gesehen nur noch halbexistent. Sie durfte kein Arbeitsverhältnis eingehen und nur Sozialhilfe beziehen, aber andererseits konnte man sie auch nicht inhaftieren oder ausweisen. Sie besaß nicht die britische Staatsangehörigkeit, konnte aber auch nirgendwo sonst hingehen. Sie war zu einer Unperson geworden.“

Quentina Mkfesi ist eine von den vielen Hauptfiguren in diesem Roman, in dem es keine Nebenfiguren gibt. Auf der sozialen Leiter steht sie noch unter dem polnischen Handwerker Zbigniew, der für den Investmentbanker Roger Yount und dessen Frau Arabella immer wieder kleinere oder größere Arbeiten in deren Haus in der Pepys Road 51 erledigt. Oder unter dem aus einer ungarischen Kleinstadt stammenden Kindermädchen der Younts, Matya Balatu. Sie ist wie Zbigniew ganz legal nach London gekommen, um hier nicht nur ihr Glück zu machen, sondern vor allem auch Geld, denn „sie hätte gelogen, wenn sie behauptet hätte, dass das Geldverdienen nicht zu diesem Glück dazugehörte.“ Das Geld besitzen jedoch vorerst noch die anderen: die Younts. Oder der in der Anonymität arbeitende Konzeptkünstler Smitty, dessen Großmutter Petunia Howe ebenfalls in der Pepys Road wohnt. Oder der senegalesische Fußballer Freddy Kamo, dessen Stern gerade bei einem Premier-League-Club aufgeht und der bei seinem Manager Mickey Lipton-Miller in dessen Haus in der Pepys Road wohnt.

Nur hängt in einer gleichermaßen kapitalistischen wie globalisierten Gesellschaft alles miteinander zusammen, und John Lanchester weiß diese Zusammenhänge unaufdringlich, geschickt und mit viel Hingabe für individuelle Lebensdetails darzustellen. Er verbindet das Schicksal der pakistanischen Einwandererfamilie Kamal mit der Terrorangst der westlichen Gesellschaften, den Millionenbonus, den Roger Yount dieses Mal bekommt, mit dem Glück und Auskommen von Matya Balatu, dem Schicksal der Politesse aus Zimbabwe oder den Träumen von Freddys Vater Patrick.

Zeitlich angesiedelt hat Lanchester die 107 Kapitel seines Romans im Jahr 2008, kurz vor und nach der Krise von Lehman Brothers und dem Platzen der Immobilienblase in den USA. Dramaturgisch hält er seine eher in einer journalistischen als literarisch verfeinerten Sprache erzählten Short-Cuts durch einen besonderen Kniff zusammen: „Wir wollen, was ihr habt“, steht auf einer Postkarte, die eines Tages in den Briefkästen der Pepys Road liegt. Es ist das subtile Leitmotiv dieses Romans, eine Drohung, in der Neid und Hass mitschwingen, wenngleich zunächst ohne Folgen. Doch schon bald gibt es auch DVDs mit den Bildern der Häuser per Post, einen Blog im Internet, in dem die Bewohner verbal attackiert werden, zerkratzte Limousinen und tote Amseln in weiteren Briefen mit dem immer gleichen Satz: „Wir wollen, was ihr habt.“

Nur, ist das wirklich so erstrebenswert? Das ist die Frage, die Lanchester in vielen Kapiteln stellt, ohne über seine Figuren moralisch zu urteilen oder eine von ihnen zu bevorzugen. Der polnische Handwerker Zbigniew findet beim Renovieren eines anderen Hauses in der Pepys Road einen Koffer voll Geld, 500 000 Pfund, und weiß nicht, wie er mit dieser Situation umgehen soll: behalten und womöglich davon ein Häuschen für seine Eltern kaufen, „was er sich mehr als alles andere auf der Welt für sie wünschte“? Oder zurückgeben, weil er genau das seinen Eltern nie würde erzählen können, so „dass ihm das, was er getan hatte, immer als falsch erscheinen würde. Es wäre eine Lüge. Und es würde alles vergiften. Er konnte das nicht tun. Ja, er sollte das Geld ganz unbedingt zurückgeben.“

In diesem Fall kann sich ein Einzelner noch entscheiden. Schwieriger wird es für Lanchesters Figuren, wenn alles Geld nichts mehr nützt. Wenn es gilt, sich in dem hochkomplexen, auf alle Bereiche des Lebens sich ausdehnenden kapitalistischen System zurechtzufinden: bei der ärztlichen Behandlung und der Pflege der todkranken Mutter zum Beispiel. Oder beim Aushandeln einer Versicherungssumme für den plötzlich invaliden Fußballstar Freddy Kamo. Dessen Manager muss erkennen, dass die Versicherungen alles dafür tun, „um einen Beschluss in Freddys Fall zu verzögern, zu blockieren oder zu verhindern. Die Tatsache, dass Freddys Fall mehr als nur ein Fall war, dass es um Freddy selbst ging, um sein ganzes Leben, schien für sie nicht die geringste Bedeutung zu haben.“

Es macht die Größe von Lanchesters Roman aus, dass er nicht in Gut und Böse unterteilt, dass Glück und Unglück keine Herkunft oder Bankkonto kennen. „Die Geldströme, in denen ein Großteil von London zu schwimmen schien“, sind einfach Geldströme – und Freddys Leben eben sein Leben. Und das kann den sprichwörtlichen Bach genauso runtergehen wie die Karriere von Roger Yount. Pathos gibt es in „Kapital“ nicht, übertriebene Anteilnahme ebenfalls nicht. Geld kennt keine Gefühle, macht aber auch nicht schlau. Auch davon erzählt dieser unterhaltsame, lehrreiche Roman.

John Lanchester: Kapital. Aus dem Englischen von Dorothee Merkel. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2012. 682 S., 24, 95 €.

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