Roman : Die Oststadtneurotiker

Sonderbare Abrechnung mit Potsdam: Andreas Maiers Roman „Sanssouci“.

Katrin Hillgruber
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Platte, igitt. Mit seinen wohnarchitektonischen Vorbehalten machte sich Stipendiat Maier in Potsdam unbeliebt. -Foto: dpa

Das diagonale Andreaskreuz, an dem der gleichnamige Apostel und Patron Russlands gekreuzigt worden sein soll, ist ein beliebtes Schmuckelement für Fachwerkhäuser. Als rot-weißes Andreaskreuz wiederum dient es als Warnzeichen an Bahnübergängen, als schwarzes für gefährliche Stoffe in der Chemie. In diesem Spannungsfeld zwischen Beschaulichkeit und ätzenden Substanzen bewegt sich auch Andreas Maiers vierter Roman „Sanssouci“, dessen Umschlag ein Andreaskreuz ziert. Das ist jedoch die einzige Analogie, die sich aus diesem wunderlichen Buch ziehen lässt.

Seit Andreas Maiers gefeiertem Debüt „Wäldchestag“ aus dem Jahr 2000 ist es das Gerede der Leute, das einer Chemiewolke gleich zersetzende Stoffe von einem Ort zum anderen transportiert: Von der Wetterau und ihrem feuchtfröhlichen „Wäldchestag“ über „Klausen“ in Südtirol bis ins Frankfurter Unimilieu in der Dostojewski-Kontrafaktur „Kirillow“ (2005). Der kunstvoll zwischen kartesianischer Clarté und mörderischer Butzenscheibenromantik oszillierende „Wäldchestag“ setzte wie jetzt „Sanssouci“ mit einer Beerdigung ein. Die jeweiligen Trauergesellschaften ergehen sich in Dissonanzen. Mit ihrem Gerede frönen die Hinterbliebenen einem Kommunikationsprozess, bei dem ständig Substanz verloren geht. In „Wäldchestag“ wurde der Ornithologe Adomeit von gehässigen „Krankenkassenexistenzen“ beklagt, nun trauert ein bunt gemischtes Ost-West-Kollektiv um den Regisseur Maximilian Alexander Hornung aus Frankfurt/Main. Er war aufgebrochen, um in Potsdam die Fernsehserie „Oststadt“ zu drehen, mit der sich die Stadt bald identifizierte, und starb unter ungeklärten Umständen.

Wie bei dem von Maier verehrten Wilhelm Raabe tauchen zuhauf komische Käuze und ein minderjähriges Geschwisterpaar auf. Die ätherisch schönen Zwillinge Heike und Arnold Meurer traten als Geschwister Richter in „Oststadt“ auf. Im Fortgang der wirren Handlung entfesseln sie die verklemmtesten sexuellen Fantasien. Ebenso die „Faschistenvegetarierin“ Merle Johansson, angeblich Hornungs Witwe. Die Teilzeit-Domina, deren Hygienerituale in extenso beschrieben werden, ist erneut schwanger, um sich vom nächsten Mann beziehungsweise Opfer Unterhaltszahlungen zu sichern. Einziger Lichtblick ist der russlanddeutsche Mönch Alexej. Er erscheint als einziger „Wahrsprecher“.

„Das Kollektiv der Sprechenden hat seine Struktur, die will es erfüllt wissen“, erklärt Andreas Maier: „Und wer da nicht mitmacht, ist sofort außen vor und erzeugt Rede über ihn.“ Diesen Mechanismus, der sowohl Komik als auch Brutalität in sich birgt, erfuhr der Autor im Herbst 2004 am eigenen Leib. Unter der Überschrift „Warum ich nicht im Plattenbau leben möchte“ (FAZ, 26.11.04) schilderte er vergnüglich, wie das ihm zugedachte Potsdamer Literaturstipendium durch eine groteske Unterbringungs-Diskussion zerplatzte. „Stipendiat Maier fordert Schloss statt Platte“, titelte die Boulevardpresse. Als der Kandidat, der stets betont hatte, die ursprünglich vorgesehene Plattenbau-Wohnung gar nicht zu kennen, schließlich enerviert absagte, sprang eine Initiative Potsdamer Unternehmer ein. Sie spendierte dem „schreibenden Hessen“ eine Unterkunft in Potsdams historischer Innenstadt, unweit des idyllischen Luisenplatzes.

Die rachesüße Frucht all dieser Aufregungen liegt nun mit „Sanssouci“ vor – im Anhang erwähnt der 1967 geborene Maier eine stattliche Anzahl von Stipendienorten mit Ausnahme von Potsdam. Auch die Namen der für den Stadtschreiber-„Skandal“ Verantwortlichen tauchen kaum verklausuliert auf. Der peinlich provinzielle „Kulturring Potsdam e. V.“, der sich um Hornungs „Oststadt“-Vermächtnis mit dem antipreußischen Slogan „Friedrich war mal“ kümmert, wird ätzender Häme ausgesetzt. Denn wie ist Sanssouci, der Lieblings- und Sterbeort Friedrich des Großen, im Niveau gesunken: „Joop und Jauch waren die berühmtesten Potsdamer. Joop sah man nie, Jauch manchmal.“

Einem Gerücht zufolge ersteckt sich unter dem Schlosspark Sanssouci ein Netz heimlicher Kellergänge, in denen SM-Parties mit Heike stattfinden: „Es handelt sich um die kultische Verehrung eines Mädchens, letztlich also (dieses Wort fiel nicht, aber es war klar) um die kultische Verehrung von Sexualität, die offenbar im Geheimen und Bösen enden musste.“ So verschmockt geht es zu in diesem sprachlich ungelenken Text („Dafür zahlte sie nicht das teure Geld vom Unterhalt“, „die beiden Zwillinge“). Was zwanzig Jahre nach der „Wende“ zu einem satirischen West-Ost-Panoptikum in der Nachfolge von Gogols „Revisor“ hätte werden können, verpufft zwischen misogynen Fantasien und der Karikatur städtischer Behörden und bräsiger Ökomilieus. „Nur die Eskalation zeigt die Wahrheit, und ich will die Eskalation, ich will sie unbedingt!“ schreit der Zwilling Arnold beim Begräbnis. Den Wunsch nach Eskalation hat ihm sein Schöpfer erfüllt; für die Wahrheit hat es nicht gereicht.

Andreas Maier: Sanssouci. Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 2009. 301 Seiten, 19,80 €

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