Roman "Die Wiederkehr der Ameisen“ : Liao Yiwu schreibt sich in die Freiheit

Bekannt geworden ist Liao Yiwu als regimekritischer Dokumentarist. Jetzt hat der chinesische Dissident in Berlin seinen ersten Roman geschrieben.

Carolin Haentjes
Chinesischer Dissident mit deutschem Friedenspreis. Liao Yiwu in Berlin.
Chinesischer Dissident mit deutschem Friedenspreis. Liao Yiwu in Berlin.Foto: Mike Wolff

Im Februar 1990 geriet Liao Yiwu wegen „Verbreitung konterrevolutionärer Propaganda mit ausländischer Hilfe“ vier Jahre lang in ein chinesisches Gefängnis. Der Grund war sein auf Tonband aufgenommenes und in Kopien verbreitetes Gedicht „Massaker“ über die Niederschlagung der studentischen Proteste auf dem Pekinger Tiananmen-Platz im Juni 1989. Er sei aus diesem Gefängnis nie wirklich freigekommen, hat Liao Yiwu oft gesagt. Nun aber, über 20 Jahre nach seiner Entlassung, hat er seinen ersten Roman vorgelegt, in dem es gleich zu Anfang über sein literarisches Alter Ego Lao Wei heißt: „Jetzt ist sein inneres Gefängnis eingestürzt, die hohen Mauern stellen kein Hindernis mehr für ihn dar. Freiheit, das ist er selbst.“

Bislang war er Dokumentarist

Ein Roman? Literarisch verfolgte er bisher einen dokumentarischen Stil. Seine Interview-Bände „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser“ (2009) und „Die Dongdong-Tänzerin und der Sichuan-Koch“ (2013) geben den Stummen und Geächteten der chinesischen Gesellschaft eine Stimme. Im Westen wurde Yiwu dafür viel gelobt und unter anderem 2012 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. In China sind seine Bücher verboten. Yiwu, der sich zunächst als Straßenmusiker und Gelegenheitsarbeiter durchschlagen musste, beschreibt das Gefängnis als seinen wichtigsten Lehrmeister – neben Hunger, Obdachlosigkeit und einer Existenz als Person ohne Aufenthaltsgenehmigung. Erst das Gefängnis, betont er, habe ihn zum Künstler gemacht. 300 000 winzige Schriftzeichen hat er im Gefängnis heimlich auf brüchigem Papier notiert und in ihnen ein mehrteiliges Romanprojekt skizziert.

Sein erster, im Berliner Exil fertiggestellter Band „Die Wiederkehr der Ameisen“, erzählt von dem „konterrevolutionären“ Dichter Lao Wei, der bis zu seiner Flucht nach Deutschland (wie Yiwu sie 2011 unternahm) durch China vagabundiert. Lao Wei ist im Gefängnis die Poesie zunächst gründlich vergangen. Erst als er dort das „I Ging“, das „Buch der Wandlungen“ konsultiert, begreift er, dass sich der Ausbruch aus dem Gefängnis geistig vollziehen muss und dass der Weg über das Schreiben führen wird: „Lao Wei beugt sich dem, was er für den Willen des Himmels hält. Er greift zum Stift. Sein eigenes Leben – es könnte auch das Leben seiner Maske sein – ist der Schlüssel, dient als Orakel für alle Geschichten, der Geschichte der Götter, der Chinesen, die der Reptilien, des Drecks, des Sumpfs. Es ist der Prozess eines langsamen Selbstmords.“ Damit ist das Programm umrissen und in der östlichen Denktradition verankert: Es ist der Versuch, sich in die Freiheit zu schreiben.

Lao Weis Abenteuer beginnen mit einer Suche nach seinen Wurzeln, die er beim Volk des Königs Man an den Ufern des Wu vermutet. Anders als die meisten Han-Chinesen glauben die Menschen dort an die Wiedergeburt der Ahnen in ihren Nachfahren. In der Folge trifft Lao Wei in ausufernden, albtraumhaft-burlesken Szenen auf die Geister seiner Familie: Mal muss er in einem Lepra-Krankenhaus den Vorsitzenden Mao spielen, dann wird sein Vater zum Kaiser eines Bauernaufstands gekürt; mal verrät Wei die Revolution, dann verrät sie ihn. Die Situationen, in die Lao Wei gerät, wirken auch deswegen so beunruhigend, weil sich dieser Abschnitt auf den aus dem Gefängnis geschmuggelten Kassiber stützt, den Yiwu in mehrjähriger Arbeit zusammen mit seiner Übersetzerin Karin Betz entzifferte: Die gewaltgetränkte, mitunter schwer erträgliche Groteske zeugt vom Trauma der Gefangenschaft.

Humanismus und Groteske

Von hier aus nehmen die übrigen vier Teile ihren Ausgang. Lao Wei erlebt Beerdigungen, Naturkatastrophen und Techtelmechtel, ist immer zu einem Plausch über Politisches oder allerlei Tratsch aufgelegt, bleibt dabei meist lässig bis kauzig. Je größer der Abstand zu dem Gefängnismanuskript wird, desto leichter werden die Geschichten, wenngleich sie immer noch um Katastrophen, Tode und gescheiterte Fluchtversuche kreisen.

Die vielleicht schönste Episode berichtet von Lao Weis viertem Onkel und einem Ausflug nach Burma: Auf der Suche nach seinem Bruder lässt sich der alte Mann auf einem Opiumpfad ins Nachbarland führen. Mehrere Tage und Nächte lang wandert er ohne Rast, nur um beim ersten Nickerchen von den „chinesischen Guevaras“, der Auslands-Guerilla, die glaubt, die proletarische Weltrevolution voranzutreiben, aufgegriffen und zurückgeschafft zu werden. Und wieder endet ein Fluchtversuch, wo er begann.

Trotzdem weiten sich die Kreise langsam, das Groteske nimmt humanere Züge an und am Ende sogar eine gewisse Nüchternheit. Im Epilog sitzt Lao Wei in einer Wohnung in der Berliner Uhlandstraße und kann seinen Text ungestört zu Ende schreiben. Jene eng gedrängten ameisengleichen Schriftzeichen des Kassibers haben ihren Weg in einen Roman gefunden: Sie zieren auch den Buchumschlag.

Vom Traum zum Trauma

Dieses vielschichtige Opus ist keine leichte Lektüre. Bei den vielen kleinteiligen Geschichten, und besonders bei den fantastischen Exzessen zu Beginn, in denen sich Erinnerung, Traum und Trauma unheilvoll verstricken, ist es mitunter schwierig, den Überblick zu behalten. Aber auch dieses Wirrwarr fügt sich in Yiwus Ameisen-Bild: Wie viele Ameisen wimmeln im Ameisenstaat, wie viele kleine Menschenleben im Geschick der Welt? Diese kleinen Leben können immer auf einen Schlag zu Ende sein. Die Literatur lässt sie überdauern und fügt sie zu einem größeren Zusammenhang.

Liao Yiwu: Die Wiedergeburt der Ameisen. Roman. Aus dem Chinesischen von Karin Betz. S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2016. 576 S. 28 €

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