Roman "Flieg" von Marco Kunst : Der Traum vom Fliegen

In Marco Kunsts Roman „Flieg“ wird Marius von seinem Großvater in ein dunkles Geheimnis eingeweiht - und kann sich so mit der Welt versöhnen.

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Cover von "Flieg!"
Cover von "Flieg!"Foto: Promo

„Mit Namen hat es seine Bewandtnis, ... Sie machen etwas mit einem ... Damit muss man sich vorsehen“, sagt geheimnisvoll der Großvater Guus zu seinem Enkel Marius, den alle Maus, Mucki, Maas, nur nicht Marius nennen, nur weil er der Kleinste ist. Aber der Großvater, mit dem er am sturmumtobten Strand entlangmarschiert, nennt ihn bei seinem richtigen Namen – und weiß, warum, wie sich am Ende dieses stillen, aber aufregenden Romans von Marco Kunst herausstellen wird.

„Flieg“ ist die Geschichte von Marius und seinem Großvater, der in einem einsamen Haus in der Nähe des Strandes und der Klinik Freudental wohnt. Das Haus fasziniert den Jungen, er ist gerne bei seinem Opa Guus, denn sein Vater wiederum fliegt als Pilot in der Welt herum, hat nie Zeit und ist schnell genervt. Marius’ älterer Bruder Pieter ist nur bedingt als Vertrauensperson einzuschätzen, er ist lebendiger, sportlicher und nicht so still wie Marius. Unheimlich für Marius ist die Klinik, an deren Garten sie vorbeimüssen. Und da ist noch der große Mann mit den großen Händen, bei dessen Auftauchen am Zaun der Großvater schnell das Weite sucht.

Marius würde gerne am Strand einen Drachen steigen lassen, doch der alte seines Vaters funktioniert nicht mehr. Das übliche Strandtreiben reizt Marius nicht, schon gar nicht Pieters Sandburgenwettbauen gegen die unendliche Kraft des Meeres. Im Gegensatz zu Pieter weiß Marius, dass das Meer gewinnt.

Der selbstgebaute Drache stürzt vom Himmel

Marius wirkt abgeklärt, ein stiller Beobachter dessen, was am Strand und in den Dünen geschieht. Er trifft auf einen dicken kackenden Mann und ein Liebespaar in den Dünen. Marius nimmt alles stumm zur Kenntnis wie ein Ethnologe und geht seiner Wege, ganz unaufgeregt.

Marco Kunst versteht es, mit einer leichten poetischen Sprache eine gewisse Atmosphäre zu schaffen, die Rolf Erdorf gut ins Deutsche übertragen hat. Irgendetwas ist mit dieser Klinik und den vermeintlich Verrückten, mit dem dicken Jungen, den alle nur Vogelkacke nennen und vor dem Marius sich fürchtet. Die Schatten der Vergangenheit scheinen lang zu sein. Da ist auch der sehnliche Wunsch, mit seinem Großvater einen Drachen zu bauen. Guus steckt Marius mit seiner Begeisterung für das Selbermachen an. Doch der Junge muss sich an Niederlagen gewöhnen, beim Sturz von der Düne zerbricht der Drachen – und der gekaufte von Opa kommt gar nicht gut an.

Marco Kunst spinnt geschickt sein Netz aus Beziehungen und Stimmungen, der ruhige Roman wird auf einmal spannend, wenngleich man das ein oder andere ahnt. Als es zu einer unangenehmene Begegnung mit Vogelkacke kommt, wird Marius klar, dass sein Großvater mehr weiß, als er zunächst zugibt. Ganz allmählich versteht der Junge, wie alles zusammenhängt und worin die Schuld des Großvaters besteht.

Hilfreich für die Atmosphäre dieses stillen Romans sind die vignettenartigen sparsamen Zeichnungen von Philip Hopman, die Kunsts Erzählung unterstützen. Marius hat wertvolle Erfahrungen gesammelt, wurde mit Mobbing und Tod konfrontiert und hat seinen Weg für sich gefunden, der ihn mit seiner Welt versöhnt. Ein wunderbares Buch, dem man viele Leser wünscht.

Marco Kunst: Flieg! Roman. Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf. Mit Bildern von Philip Hopman. Gerstenberg Verlag Hildesheim 2015. 160 Seiten 12,95 Euro. Ab zehn Jahren.

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