Roman : Schule der Leichtigkeit

In seinem neuen Roman „Nichts Weißes“ gedenkt Ulf Erdmann Ziegler der alten Bundesrepublik.

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Als Marleen Schuller im Flugzeug von Paris nach New York sitzt, lässt sie eine ganze Welt hinter sich. „Sie schläft“, die junge Frau, „und sie träumt, dass sie schläft“. Doppelt verpuppt ist diese Welt in Marleens Kopf. Es ist der Kosmos ihrer Jugend, aber irgendwie auch die alte Bundesrepublik Deutschland. Fast könnte man sagen, Marleen lässt ganz Europa zurück und das Gutenberg-Zeitalter dazu.

Ein bisschen viel für einen 250-Seiten-Roman? Keineswegs. Nicht, wenn sich in einer Figur subtil zwei Jahrzehnte westdeutscher Kultur- und Mentalitätsgeschichte niederschlagen. Nicht, wenn der gerade für den Deutschen Buchpreis shortlistnominierte Roman in dem, was er sagt, virtuos sein Nicht-Gesagtes offenbart. Die ganz individuelle Geschichte der Marleen Schuller resümiert zugleich Erfahrungen einer westdeutschen Generation. Doch Ulf Erdmann Ziegler erzählt sie nicht tönend und spektakulär, sondern eher still, wie um eine Bundesrepublik von innen bittend.

Das eine also ist Marleen. Geboren Mitte der sechziger Jahre, wächst sie in Neuss im Rheinland auf. Erzbistum Köln, katholisches Kernland, wie ihre ältere, frömmelnde Schwester Johanna betonen würde. Vor den Toren aber liegt auch Düsseldorf mit seinen Altbierkneipen, durch die man mit der jüngeren, lebenslustigen Schwester Christina ziehen kann. Hinzu kommt Bruder Linus, Nachzügler in der Neubausiedlung Pomona. Hier leben liberale, der Zukunft zugewandte Geister wie Vater Petrus und Mutter Hannelore, die – auch das natürlich ist Düsseldorf – als Projektmacher und Illustratorin in einer Werbeagentur kreativ schaffen.

Petrus hat gerade eine gelungene Kampagne für Tampons lanciert und zwei Autos vor der Tür, als er sich die Sache anders überlegt und zur Selbstfindung nach Indien aufbricht. Hannelore kümmert sich erst einmal um Autos, Haus und Vermögen, damit das schöne Geld nicht in einer Sekte versickert. Die Kinder kommen eher schlecht als recht mit der Vaterlosigkeit zurande. Wir schreiben das Jahr 1974.

Marleen zieht nach dem Abitur zum Praktikum ins Bibliophilen-Paradies Nördlingen, wo ein Verleger namens Volpe eine „Eigene Bibliothek“ herausgibt. Dass der Buchgestalter Franz Greno und Hans Magnus Enzensberger, Herausgeber der „Anderen Bibliothek“, hier Modell gestanden haben, versucht Ziegler gar nicht zu kaschieren. Dann studiert Marleen in Kassel das Fach Visuelle Kommunikation. Sie verliebt sich, laviert ansonsten durch die Einflusszonen der akademischen Stars und wird, um sich im Unibetrieb nicht zu verschleißen, von einem wohlmeinenden Professor nach Paris empfohlen. Hier tritt sie in eine renommierte schweizerische Typografenwerkstatt ein und versorgt als 23-Jährige die abgefahrenen neuen Läden des Quartier Latin mit originellem Design.

Ihr Kindheitstraum aber besteht darin, eine Schrift zu entwerfen, „die man gar nicht bemerkt“. Eine Schrift, „bereinigt von den Resten der in Stein gehauenen Sprache“. Auf den ersten Blick scheint dieses Interesse an Serifen, Versalien und Flattersatz das Lob der Gutenberg-Galaxis im Moment ihres Untergangs zu singen. Aber so einfach ist das nicht. Schließlich ist Schrift aufs Druckpapier nicht angewiesen. Zudem ist Marleens Leseschwäche ihrem Traum interessanterweise eher förder- als hinderlich. Denn Schrift ist hier nicht Medium der diskursiven Sprache und des Sinns, sondern Bild.

„Kratzte man den Sinn weg“, denkt Marleen, „erschien die reine Gestalt.“ Und so hat es seine Richtigkeit, dass die erfolgreiche Typografin am Ende in New York sitzen und eine Geheimschrift für das Text-Bild-Medium Comic entwerfen wird. Nein, postavantgardistische Sehnsüchte nach Sinnzertrümmerung liegen Marleen sicherlich fern. Doch eine Entlastung von Sinn, eine Schule der Leichtigkeit, das ist Zieglers Buch zweifellos.

Denn das eine ist Marleen, das andere aber ist die Post-68er-Bundesrepublik, die sich sacht in ihrem Leben spiegelt. Auch wenn diese Folie fast unsichtbar bleibt, ist sie spürbar. Etwa im Willen zur Substitution von Sinn durch Sinnlichkeit nach dem 68er Theorie-Überschuss, in der sexuellen Libertinage in Kasseler Studientagen oder einfach in der erfolgreichen Karriere der eigensinnigen jungen Frau Schuller. Alltag überblendet die historischen Haupt- und Staatsaktionen.

Man sieht Ulrike Meyfarth über die Hochsprunglatte fliegen, nicht aber Ulrike Meinhof beim Redigieren von Flugblättern. Und doch erzählt Ziegler diese Geschichte quasi wortlos mit. Manchmal, in luftiger Assoziation, erscheint Marleen mit ihren Ambitionen, ihrer Sehnsucht nach Weißem, der Tabula rasa, sogar wie eine Allegorie ihres Landes. Auch ihre Erfahrungen mit Italien und Frankreich sowie der Fluchtpunkt Amerika sind sehr bundesdeutsche Angelegenheiten. Zum Schluss, in den Achtzigern, ziehen ökonomische Globalisierung und Computerzeitalter am Horizont auf. Sie werden nicht nur Marleens Beruf verändern, sondern die Ordnung der europäischen Nachkriegszeit erschüttern.

Ulf Erdmann Ziegler, seit seinem Debüt „Hamburger Hochbahn“ und der genreinnovativen „Autogeographie“ namens „Wilde Wiesen“ ausgewiesen als raumbewusster Erzähler, lässt die rheinländische Provinz samt zugehörigen internationalen Einsprengseln auferstehen – fast wie Ralf Rothmann das Ruhrgebiet oder Georg Klein eine phantasmagorische Bundesrepublik. Langsam setzt sich die Einsicht durch, dass nicht nur ein ostdeutscher, sondern auch ein westdeutscher Staat historisch geworden ist.

Mit „Nichts Weißes“ etabliert sich Ziegler endgültig als einer seiner subtilsten Chronisten. Doch anders als viele seiner ehemaligen Berufskollegen aus dem Journalismus, die mit ihm aufs literarische Feld gewechselt sind, ist Ziegler ein äußerst feinsinniger Erzähler. Statt Kurzsatzprosa herrschen hohe Sprach- und Bildstandards. „Sie schaute in das Fach der richtigen Worte“, heißt es von Marleens Mutter, „und es war leer.“ Dann läuft Marleen mit ihrer großen Liebe Franziskus durch Paris und stellt sich die Stadt ohne Beschriftung vor – und dann umgekehrt: Beschriftung ohne alles.

Gut, dass der Fotografie-Experte Ziegler dem Schriftsteller solche Bildideen eingibt. Überzeugend aber ist nicht zuletzt die Stimme, die hier spricht: eine fürsorglich ihr Personal begleitende Stimme, die gelegentlich als kollektives Wir eine längst verflossene Geste der Allwissenheit zitiert, doch deren Ironie moralischen Ernst nie ausschließt. Ein leichtes, fast schwebendes Buch hat Ulf Erdmann Ziegler geschrieben. Dass es nicht auftrumpfen will, verleiht ihm Gewicht.

Ulf Erdmann

Ziegler
:

Nichts Weißes.

Roman. Suhrkamp

Verlag, Berlin 2012.

259 Seiten, 19,95 €

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