Roman "Telluria" von Vladimir Sorokin : Zaren und Zimmermänner

Sprache zwischen Mittelalter und Internet-Ära: In Vladimir Sorokins futuristischer Revue-Roma geht es um Drogen und andere Kraftstoffe.

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Der Autor Vladimir Sorokin
Der Autor Vladimir SorokinFoto: dpa

Es hätte noch so schön werden können für Patrick und Engelbert. Die beiden Deutschen, deren Familien sich durch islamistische, genauer: wahhabistische Wirren quer über Europa verstreut hatten, lernten sich in Frankfurt auf einer Technik-Messe kennen. Dort wurde eine Maschine vorgeführt, die Worte wie „Pissdetz“ (Vulgär-Russisch für „Untergang“) oder „Dasein“ in Speisen wie einen elfenbeinfarbenen Würfel mit Fischgeschmack verwandelte, der sofort verkostet werden konnte. Der russischstämmige Patrick drängt seinen phlegmatischen Bräutigam zur Hochzeitsreise in den neu gegründeten Zwergenstaat SSSR – die Stalinistische Sowjetische Sozialistische Republik. Nach Besichtigung der Gebeine Stalins in der pyramidenförmigen Kathedrale vertraut sich das Paar einem „weißbärtigen Tellurier mit einem gravitätischen Gesicht“ an. Der Zimmermann schlägt in die frisch rasierten Köpfe der „Touristen-Stalinisten“ zwei Tellurkeile ein, die Verheißung höchster Ekstase – Stunden später sind sie tot. Ihre gefrorenen Gebeine werden auf Kosten der SSSR nach Deutschland überstellt.

„So eine Geschichte“, resümiert Vladimir Sorokin knapp die 48. Episode seines Buches „Telluria“, das 2013 im Original erschien, kurz vor der Ukraine-Krise. Nun lesen sich die 50 unverbundenen Kapitel Retrofuturismus als ein ebenso wundersames wie wunderbares Dokument der deutsch-russischen Freundschaft: „Man hätte Russland unbedingt frühzeitig mit den Fritzen besiedeln müssen“, denn: „Russland, so scheint es, ist immer schlecht gelaunt mit Kopfschmerzen erwacht. Moskau tat weh und verlangte deutsches Aspirin.“

Zerfallenes Europa

Sorokin, der sowohl in seiner Geburtsstadt Moskau als auch in Berlin wohnt, überrascht mit detaillierter Ortskenntnis. Eines der unterhaltsamsten Kapitel spielt in Köln, das nach drei Jahren wieder Karneval feiern kann: Die salafistischen Okkupanten hatten das rheinische Treiben als „Atem des Teufels“ verdammt. Nach deren Niederschlagung führen nun ein christlicher Präsident auf einem Schimmel und ein gemäßigt islamischer Kanzler auf einem Rappen einträchtig den Rosenmontagszug an. Das alles berichtet ein Reporter, der nach Dienstschluss zu seiner Frau eilt. Die sportliche Heike allerdings, „nicht größer als eine 0,3-l-Bierflasche“, bewohnt ein Puppenhaus. Sie hütet acht Nägel aus Tellur, von denen sie sich einen wie ein Gewehr an die nackte Brust drückt. Es wimmelt von glücksspendenden Däumlingen und anderen Sagen- und Märchenfiguren in dieser unübersichtlichen, aber recht gemütlichen Science-Fiction-Welt.

Die europäischen Nationen sind längst wieder in Regionen und Landstriche zerfallen und in ein „gesegnetes aufgeklärtes Mittelalter gesunken“. Das ist die Folge des „wahhabistischen Hammers“, der sämtliche staatliche Strukturen zerschlug. Das rechtschaffene Bern etwa leidet unter chinesischer Besatzung und dem Einbruch ins Goldlager der Nationalbank. Das Languedoc ist zu einer Ritterrepublik mit Konventen und Turnierspielen geworden. Vor allem im postsowjetischen Russland, das sich in einem permanenten „Staatsschlaf“ befindet, haben sich wieder archaische Adelsstrukturen gebildet, zum Teil mit Leibeigenschaft.

Vieles liest sich wie ein heiter-sarkastisches Postskriptum zu Sorokins hoch politischer Dystopie „Der Tag des Opritschniks“ (2008). Doch von jener Paraphrasierung des Putin-Systems samt ihrem alarmierenden „Staatshyperton“ ist allein die hoch komische Sprache geblieben, die munter zwischen Mittelalter und Internet-Ära mäandert.

Wie so häufig in Sorokins Romanwelt seit „Der himmelblaue Speck“ (2000), spielt die Handlung in der Zukunft, Mitte des 21. Jahrhunderts. Der titelgebende Speck wurde durch das Klonen russischer Dichtergrößen gewonnen, er diente als Kraftstoff zur Energieversorgung – und als Droge. Auch jetzt beschäftigt Sorokin, Absolvent eines Ingenieursstudiums der Petrochemie, die Frage der autarken Kraftstoffversorgung. In seinem Moskau fahren „Kartoffeltaxis", auf dem Land bewegt man sich wieder zu Pferde. Es herrscht allenthalben ein behagliches postindustrielles Operettenklima wie in Albert Lortzings „Zar und Zimmermann“ – wenn da nicht die unstillbare Sehnsucht nach dem Halbmetall Tellur (vom lateinischen „tellus“ für Erde) wäre.

Erst in Kapitel 27 verrät der Autor, was es mit der sagenhaften Chemikalie auf sich hat, was seine so bunte wie disparate Revue der Stile, Metaphern und Schauplätze buchstäblich zusammennagelt: Im Jahre 2022 entdecken chinesische Archäologen im mittelasiatischen Altai-Gebirge einen „zoroastrischen Höhentempel“ über einem Tellur-Vorkommen. In der Höhle liegen 48 Skelette, „ihre Schädel waren sämtlich an einer Stelle von einem kleinen (42 mm) Keil aus reinem Tellur durchbohrt“. Die UN stuft Tellurkeile daraufhin als schweres Suchtmittel ein und stellt Herstellung und Besitz unter Strafe. Rund um die sagenumwobene Höhle jedoch entsteht ein neuer Idealstaat: die Republik Telluria.

Acht Übersetzer arbeiteten an "Telluria"

"Telluria" ist Blütensammlung, Revuetheater und fröhlich-frivoler Flohzirkus in einem. Sorokins deutscher Verlag traf die weise Entscheidung, dieses atemberaubende Panoptikum der Stile und Stimmen nicht einem, sondern gleich acht renommierten Übersetzern anzuvertrauen. Sie firmieren als „Kollektiv Hammer und Nagel“. Die gemeinsame Arbeit muss berauschend gewesen sein, auch ohne Tellur. „In so einer All-Star-Besetzung zu arbeiten und sich austauschen zu können ist für die einzelne Übersetzerin nicht nur vergnüglich, sondern auch ausgesprochen inspirierend und bereichernd“, sagt Olga Radetzkaja, eine Tüftelpartnerin dieses Oktogons. Dessen schöpferische, ja, in vielen Fällen wortneuschöpferische Leistung kann gar nicht genug gelobt werden, von der nymphomanisch durch ihren Palast „nilpferdenden“ Königin Dorothea von Charlottenburg bis zum „zoomorphen Zarathustra“. Der größte Dank aber geht nach Moskau, in den „ehemaligen Kopf der Riesin“ Rossija: Dort feiert Vladimir Sorokin heute seinen 60. Geburtstag. Wer weiß, was er gerade Neues ausheckt.

Vladimir Sorokin: Telluria. Roman. Aus dem Russischen vom Kollektiv Hammer und Nagel. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015. 414 Seiten, 22,99 €.

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