Roman von Iris Wolff : Siebenbürgisch träumen

Vier Erzählungen, hundert Jahre, eine Familiengeschichte. Iris Wolffs sachlicher und zugleich poetischer Roman „So tun, als ob es regnet“.

Klaus Hübner
Die Autorin Iris Wolff, geboren 1977 in Hermannstadt/Siebenbürgen. 
Die Autorin Iris Wolff, geboren 1977 in Hermannstadt/Siebenbürgen. Foto: Stine Wiemann

Ziemlich genau hundert Jahre umspannt Iris Wolffs aus vier eng miteinander verknüpften Erzählungen bestehender Roman. An ihm besticht vor allem eines: seine ungewöhnliche, sachlich genaue und zugleich poetisch funkelnde Schönheit. Er besteht aus klar beobachteten oder erdachten Szenen, die die Geschichte einer siebenbürgischen Familie entstehen lassen.

Wir lernen darin einen jungen Mann kennen, der im Ersten Weltkrieg gegen „die Rumänen“ kämpfen muss. Dieser Jacob ist ein Verlorener, in mehrfacher Hinsicht: „Er fühlte sich nicht mehr zugehörig, nicht einem Land, nicht diesem Krieg. Es schien ein anderer gewesen zu sein, der im September unter der Linde am Fluss saß, in lichtheller, alles umfassender Stimmung, als die Karpaten sich noch als harmlose, bewaldete Hügel gezeigt hatten.“ Und wir begegnen dem an Schlaflosigkeit leidenden Dauerraucher Elemér und vielen anderen aus der siebenbürgischen Zwischenkriegszeit, in der es fast selbstverständlich war, Deutsch, Ungarisch und Rumänisch zu beherrschen: „Sei froh, dass wir in einem Land leben, in dem man einander in drei Sprachen die Liebe erklären kann.“

Ruhiges, präzises Erzählen

Der deutsche Titel „So tun, als ob es regnet“ geht auf die die rumänische Redensart „se face ca ploua“ zurück, die soviel bedeutet wie, sich aus dem Augenblick davonzustehlen. Genau das ist auf Dauer nicht möglich. Es drohen Krieg, Deportationen und Diktatur, Bedrohung durch die Securitate, Iris Wolff, 1977 in Hermannstadt/Sibiu geboren und heute in Freiburg lebend, verschweigt es in ihrem dritten Roman nicht, klagt aber auch nicht an. Sie erzählt ruhig und präzise auch vom Schrecklichen. Immer wieder gelingen ihren Figuren kleine Fluchten. Am Ende lernen wir Hedda kennen, die auf La Gomera Abstand von ihren nach Deutschland gelangten Eltern sucht – und doch glaubt, dass sie ab und zu „siebenbürgisch träumt“.

Iris Wolff: So tun, als ob es regnet. Roman in vier Erzählungen. Otto Müller Verlag, Salzburg/Wien 2017. 166 Seiten, 18 €.

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