Romanbesprechung "Die Straße" : Das Gute, das Böse und das Nichts

Die Apokalypse ist nichts dagegen: Cormac McCarthys unglaublich düsterer Roman „Die Straße“

Bruno Preisendörfer

In den Büchern des 1933 geborenen amerikanischen Schriftstellers Cormac McCarthy geht es immer sehr verloren zu. Sein 1979 erschienener Roman „Suttree“ trägt in der deutschen Übersetzung sogar den Titel „Verlorene“. Sechs Jahre später erschien ein Roman, der bei uns als „Die Abendröte im Westen“ bekannt wurde – und berüchtigt, was seine Gründe hat. Es gibt wenig literarische Werke, die dermaßen starr sind vor Gefühlskälte wie dieses Buch. Das liegt an der mörderischen Hauptfigur Richter Holden, die vollkommen böse ist, nicht weil sie Böses tut, sondern weil sie alles, manchmal auch Gutes, ohne die geringste Regung von Anteilnahme tut.

Der amerikanische Kritiker Harold Bloom, ein literaturkampferprobter Haudegen und alles andere als zartbesaitet, stellte diesen Roman zwar über die Werke von Thomas Pynchon, Don DeLillo und Philip Roth, gab aber in seiner Essaysammlung „Die Kunst der Lektüre“ unumwunden zu, dass „meine ersten beiden Versuche, ,Die Abendröte im Westen’ zu lesen, gescheitert sind, weil ich vor dem überwältigenden Blutbad geflohen bin, das McCarthy schildert.“

Es gehört zu den Binsenweisheiten des Rezensionsgeschäfts, zwischen dem Autor und seinen Figuren zu unterscheiden. Das gilt auch für Cormac McCarthy und seine Figur des Richter Holden. Aber gilt es auch für Cormac McCarthy und die Figur des ganzen Textes? Könnte es nicht sein, dass im Zentrum der Ästhetik dieses Schriftstellers weder das Gute noch das Böse, sondern das Nichts ist?

Auch in seinem neuen Roman besteigt der apokalyptische Reiter wieder die alte Mähre des Untergangs und schindet sie zu Tode. Ein Vater und sein kleiner Sohn kämpfen sich hungernd, frierend und völlig erschöpft durch verbranntes Gebiet, in dem es nur noch Ruinen gibt: die zerfallenen Häuser in den Städten, die verkohlten Bäume in den Wäldern, die wahnverstrickten Überlebenden auf den Straßen und den Vater selbst, der sich mit dem kleinen Jungen an der Hand Blut hustend nach Süden an die Küste schleppt, um auf ein ascheschwarzes Meer zu stoßen, in dem ächzend die Wracks schaukeln. Nur der Junge scheint keine Ruine zu sein, er ist abgemagert und fiebert, aber noch ist er keine Ruine. Und am Ende des Romans, wenn der Vater gestorben ist, wird der Junge mütterlich von einer Frau in die Arme geschlossen und an Kindes statt angenommen. Dies ist das einzige Hoffnungszeichen in einem unerträglich düsteren Buch.

McCarthy treibt seine beiden Figuren mit kühl berichtenden Worten auf ihre verzweifelte Pilgerschaft. In regelmäßigen Abständen werden die Berichte durch archaisierende Dialoge unterbrochen, was dem Text etwas Zeremonielles gibt und seine Leser in (womöglich etwas verlegene) Priester verwandelt, die rituelle Handlungen vollziehen. Daran liegt es wohl, dass der Verlag auf dem Klappentext eine dieser Budenschreiereien zitiert, die seit jeher zum Geschäft gehören: Der Roman „sei das dem Alten Testament am nächsten kommende Buch der Literaturgeschichte“. Das sind so Sätze, die man nicht kommentiert, sonst steckt man sich noch an. Allerdings ist McCarthy mit diesem Roman wirklich so weit gegangen, dass man mit sportiver Herausforderung fragen könnte, ob es möglich wäre, es in einem neuen Buch noch dunkler zu treiben. Immerhin kommen in diesem schon Menschenfresser vor, die Babys über offenem Feuer grillen.

McCarthy ist das Risiko eingegangen, dass am Ende seines schwarzen Epos die Leser in fröhliches Lachen ausbrechen und die Köpfe schütteln. Es ist leicht, den Text ins Lächerliche zu ziehen und als unfreiwillige Humoreske über die letzten Tage der Menschheit zu lesen. Allerdings würde man sich mit solchem Spott zwar nicht den Spaß, aber das Grauen verderben – oder doch den Spaß am Grauen?

Leser, die sich auf McCarthys literarisches Spiel einlassen und der Verführung zum Selbstschutz durch Parodie widerstehen, finden sich am Ende tatsächlich in einem ästhetischen Zentrum wieder, in dem nichts anderes als das reine Nichts vorherrscht. Denn alles, was besteht, ist wert, dass es zugrunde geht, um Goethes Mephisto anzuführen, den deutschen Botschafter des Teufels.

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Cormac McCarthy : Die Straße. Aus dem Amerikanischen von Nikolaus Stingl. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2007, 252 Seiten, 19,90 €

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