Romandebüt : Schnecken ertränken

Nina Bußmann erforscht in ihrem Debütroman "Große Ferien" das Innenleben eines Lehrers, der Mathe, Physik und Erdkunde unterrichtet

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Mit Gespür für die Trägheit. Nina Bußmann. Foto: Susanne Schleyer/Suhrkamp Verlag
Mit Gespür für die Trägheit. Nina Bußmann. Foto: Susanne Schleyer/Suhrkamp Verlag

Hin und wieder hat auch ein Buchcover Aussagekraft. Ein Baum in einem Park. Kerzengerade der Stamm, aufgeräumt der Park. Darunter dicht verflochtenes, undurchdringliches Wurzelwerk. Wer da für Ordnung sorgen will, hat zu tun. Schramm heißt der Baum in Nina Bußmanns Debütroman, Lehrer für Mathe, Physik und Erdkunde. Diejenigen, die solche Fächer gelehrt haben, waren nie so richtig zu durchschauen. Man verstand sie nicht. Und man wurde von ihnen nicht verstanden.

Mit Schramm ist etwas geschehen in der Schule. Oder aber er selbst hat etwas getan. Andeutungen gibt es viele, die Mutmaßungen, die der Leser anstellen soll, sind kalkuliert. Schließlich hat man auch in früherer Zeit über das Privatleben der Lehrer auch nur Mutmaßungen angestellt, das aber gerne und oft. Nun sind Sommerferien. Eine lange, träge Zeit.

Die sprachlich nuancierte Darstellung dieser Öde, die Atmosphäre von Schwimmbadlärm, der zu Schramms Grundstück herübergetragen wird, von Hitze, Rasenmähergeräuschen und Leerlauf, gehört zu den erwähnenswerten Fähigkeiten von Nina Bußmann, die 1980 in Frankfurt am Main geboren wurde und bei den Klagenfurter Tagen der deutschsprachigen Literatur mit einem Auszug aus „Große Ferien“ den 3sat-Preis gewann. Schramm wird nach einem Vorfall nicht in den Dienst zurückkehren.

Der Vorfall hat etwas zu tun mit einem Schüler namens Waidschmidt. Es lässt sich treffend spekulieren, was geschehen ist: Eine körperliche Misshandlung? Eine krasse Bevorzugung im Unterricht? Ein homosexuelles Verhältnis gar? Einen Zusammenbruch hat es in jedem Fall gegeben, einen „sogenannten Zusammenbruch“, mit einem Klinikaufenthalt als Folge. Das Gerede setzt selbstverständlich im Nachhinein ein: „Einfach, hieß es, sei es mit ihm niemals gewesen, keine Frau, kein Kind, und nicht einmal ein Hund.“ Wenn es Ernst wird, geraten die im Alltag irrelevanten privaten Abweichungen von der Norm zu Indizien.

Doch viel wichtiger ist, dass dieser Waidschmidt, ausgestattet mit einer geradezu dämonischen Fähigkeit zur Provokation, in Schramm etwas zum Wackeln und zugleich die Vergangenheit zum Klingen gebracht hat. Nun also steht Schramm im Garten des Elternhauses, das er bewohnt, entfernt Unkraut mit beängstigender Akribie und tötet Schnecken mithilfe von Bier.

Das Verhältnis der Brüder ist ambivalent

Es ist fast unmöglich, die Position der Erzählstimme festzumachen. Das ist die Stärke des Romans und gleichzeitig sein Problem. Gerade zu Beginn bewegt Nina Bußmann sich gefährlich nah am Klischee des kleinbürgerlichen Sonderlings inmitten seiner Pflanzen, ausgestattet mit einer übermächtigen Vaterfigur, einem Despoten und Jäger mit einem Hang zum deutschen Liedgut. Zugleich wird das Klischee als solches entlarvt und als literarische Spielform ausgestellt, und zwar immer dann, wenn Schramms Bruder Viktor als Gegenfigur in Szene gesetzt wird.

Dieser Viktor, der wieder einmal einen seiner Überraschungsbesuche angekündigt hat, hat sich früh aus den bürgerlichen Verhältnissen davongemacht, war während der Studentenproteste in der linken Szene aktiv und ist dann ins Ausland gegangen, um als Arzt zu arbeiten.

So ambivalent der Blick auf die Figuren, so ambivalent ist das Verhältnis der Brüder. Den älteren Bruder als einen Sonderling zu konstruieren, so überlegt Schramm einmal, sei stets der beste Weg für Viktor gewesen, die eigene Eitelkeit zu befriedigen. Es gibt Widerhaken, die sich in der Erzähloberfläche festklammern, doch letztendlich stehen die strukturelle Glätte und die technische Perfektion, durch die Nina Bußmann sich auszeichnet, in einem irritierenden Verhältnis zum Stoff.

Klar, hier ist einer, der die Ordnung zum Prinzip erhoben hat, um sich zu retten, während er in der Einfahrt sitzt und sein eigenes Leben auszupft. Doch der Roman selbst gestattet auch sich selbst keinerlei Wildwuchs; stattdessen entwickelt Bußmann bis in die Syntax hinein eine virtuose Form des Umgehens von Klarheit.

Die Frage, wie er zu dem werden konnte, der er ist, treibt Schramm um. Doch fehlen ihm die emotionalen Mittel, um Zugriff auf eine Form von Selbsterkenntnis zu haben; deswegen muss zwangsläufig alles offen bleiben. Es ist bemerkenswert, dass sich nach Judith Schalansky („Der Hals der Giraffe“) nun binnen weniger Monate die zweite Autorin der jüngeren Generation an der Innenperspektive eines Pädagogen abarbeitet. Im großen Schulhof der Literatur würde man Nina Bußmann, sobald sie einem den Rücken zukehrte, laut das Wort „Streberin“ hinterherrufen. Und das täte man, man erinnere bitteschön die eigene Schulzeit, nicht, wenn darin nicht auch eine versteckte Bewunderung enthalten wäre.

Nina Bußmann: Große Ferien. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2012. 200 Seiten, 17,95 €.

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