Kultur : Romanfabrik und Versmanufaktur

BRUNO PREISENDÖRFER

Als Mozart vergiftet wurde, war Puschkin noch nicht auf der Welt.Und weder der eine noch der andere hätte sich träumen lassen, daß eines Tages auf der Grundlage einer von Peter Shaffer adaptierten Puschkin-Idee ein äffischer Mozart als Punk des Rokoko über die Kinoleinwände der Welt turnen würde.Den wenigsten im Publikum des Milos-Forman-Films dürfte seinerzeit bewußt gewesen sein, daß Mozart keineswegs von seinem Kontrahenten Salieri vergiftet worden ist, und daß der tödlich auf die Spitze getriebene Konflikt zwischen dem Kunsthandwerker Salieri und dem Kunstgenie Mozart die dramatische Erfindung eines russischen Poeten und Prosaisten war, der eben diesen Konflikt in sich selbst auzutragen hatte.In Deutschland, der West-Hälfte zumal, ist Puschkin eine fremde Größe, was nicht nur mit Übersetzungsproblemen zu tun hat, obwohl diese Probleme bei Puschkins Versepos "Eugen Onegin" tatsächlich eine kaum zu nehmende Hürde sind.

Daß Puschkin, dessen abenteuerliche Existenz eigentlich das Zeug gehabt hätte, die lebensläufige Neugier eines breiteren Publikums zu wecken, in Deutschland kaum zur Wirkung kam, hängt mit den ästhetischen und philosophischen Vorlieben der deutschen Bildungsschichten zusammen.Hier dominierte bis zum Untergang des "germanischen" Spiritualismus im "Dritten Reich" ein schlimmer Hang zum Dunkeltum.Wenn der sogenannte "deutsche Geist" die "russische Seele" an die Brust drückte ging es um Mythos und Verzweiflung, um Schwermut und Überschwang, um Minderwertigkeitskomplex und Größenwahn.

Eine ungute Mischung aus Nietzsches hochfahrendem Herrenmenschgerede und christlich-dostojewskischer Kellerlochgrübelei veranlaßte in den 20er Jahren beispielsweise den der "Frankfurter Schule" assoziierten Literatursoziologen Leo Löwenthal, vor dem übermäßigen Einfluß Dostojewskis in Deutschland zu warnen.Wie quer steht im Vergleich dazu Puschkin in den deutsch-russischen Kulturbeziehungen.

Für die russische Literatur des 19.Jahrhunderts jedoch, an dessen Anfang sich ein Büchermarkt gerade erst zaghaft entfaltete, war Puschkin eine sprachliche und publikationspolitische Initialzündung.So wie Balzac, beinahe auf den Tag genau ein Altersgenosse Puschkins, für die französische Literatur die erste Megamaschine eines bereits boomenden Marktes gewesen ist.Zwischen Frankreich und Rußland herrschte ein ungeheurer Modernitätsabstand, und Deutschland lag, nicht nur geographisch, irgendwo dazwischen - man möchte hinzufügen: eher in der Nähe des russischen Pols.

In Puschkins und Balzacs Zeitgenossenschaft, beide wurden 1799 geboren, personifiziert sich dieser Abstand: Puschkin stammte aus einem alten Adelsgeschlecht und genoß eine Art Prinzenerziehung; Honoré "de" Balzac war der Sohn eines Provinzbeamten und zwängte, gepeinigt von seinem gesellschaftlichen Ehrgeiz, das angemaßte "von" des Parvenüs zwischen Vor- und Nachnamen.Puschkin schrieb für einen kleinen Kreis einflußreicher Kenner, Balzac produzierte für ein anonymes Massenpublikum.Puschkin gehörte der gesellschaftlichen und geistigen Elite seines Landes an, sein Blick kam von oben und ging nach unten; Balzac war ein geplagter Aufsteiger, sein Sichtwinkel verlief von unten nach oben.Puschkin suchte in seinen Texten das Individuelle und stellte es in die Zusammenhänge der Zeit; Balzac schlug mit den Pranken seiner Phantasie auf die Wirklichkeit ein, bis sie in Klischees und Stereotypen Unterschlupf suchte.Puschkin, der Aristokrat, setzte sich für die Liberalisierung seines Landes ein; Balzac, der unpolitische Kleinbürger, kroch vor dem Adel auf dem Bauch, der freilich gut gepolstert war: "Unter uns gesagt, ich bin nicht tiefgründig, sondern recht dick."

Aber Puschkin und Balzac hatten doch auch etliches gemeinsam: Die ewigen Geldsorgen zum Beispiel, oder den Fixstern des Ruhms, den Puschkin freilich eher geschichtlich und Balzac eher gesellschaftlich auffaßte.Und dann der Kult um die Frauen.Puschkin, ohnehin ein notorischer Duellant, wollte sich wegen der seinen partout totschießen lassen, was ihm Ende Januar 1837 auch gelungen ist.Balzac wiederum errang seine ersten literarischen Erfolge unter dem Schutz einer mütterlichen Geliebten und heiratete als todkranker Mann, er starb 1850, eine Leserin, die es vorgezogen hätte, sich ein bißchen mehr von weitem lieben zu lassen.Übrigens berührte sich bei dieser Frau auf komische Weise beider Schicksal.In ihre Schwester nämlich war Puschkin so ausdauernd verliebt, daß er glaubte, durch sie "alles kennengelernt zu haben, was der Liebesrausch an Zuckungen und höchstem Schmerz bereithält."

Wie wörtlich diese "Zuckungen" zu nehmen sind, spielt hier keine Rolle; die Angebetete jedenfalls ließ sich von ihnen nicht davon abhalten, Puschkin politisch auszuspionieren.Zwischen den beiden einander so fernen Riesen lag Deutschland, das literarisch nichts Gleichrangiges zu bieten hatte.Goethe war schon ein Greis, Büchner (1813-1837) eine noch unentdeckte Größe, und Heine, zwei Jahre älter als Puschkin und Balzac, in Paris exiliert.Heine hatte, wie einige der älteren Freunde Puschkins aus der Reformbewegung der Dekabristen, in Göttingen promoviert, dessen Universität in liberalen Kreisen damals Kultstatus hatte, wie man heute sagen würde.Überhaupt hat in Rußland der deutsche Geist, vor allem als Verwaltungskünstler, keine kleine Rolle gespielt, was mit der Administrationskompetenz zusammenhing, die der preußische Reformer Freiherr vom Stein auf der Flucht vor Napoleon nach Rußland exportierte.Noch in Iwan Gontscharows berühmtem Roman "Oblomow" von 1859 wird in der Gestalt von Oblomows freundschaftlichem Nebenbuhler Stolz die deutsche Tüchtigkeit personifiziert und persifliert.

Was aber Puschkin und Deutschland betrifft, so gab es hier in der Literatur des frühen 19.Jahrhunderts keine Entsprechung; Puschkin wäre zu spät gekommen.Balzac wiederum wäre in den deutschen Ländern viel zu früh gewesen.Heute freilich möchte man sich für die literarische Lage hierzulande wünschen: Mehr romantische Reportage à la Puschkin und weniger realistische Kolportage à la Balzac.

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