Kultur : Romansplitter: Aus Wolfgang Koeppens Schublade

Roman Rhode

In seinen Romanen "Tauben im Gras", "Das Treibhaus" und "Der Tod in Rom", damals bei Scherz und Goverts erschienen, legte Wolfgang Koeppen eine Art "Trilogie des Scheiterns" vor. Gleichwohl begriff er die "Öde des Daseins", gegen die sich sein melancholischer Held Keetenheuve erfolglos auflehnt, keineswegs als pure Abbildung des politischen Zeitgeschehens. Ihm ging es um eine "eigene poetische Wahrheit". Da stellen auch seine Reiseberichte Ende der 50er Jahre keinen Bruch dar. Diesen letzten größeren Prosastücken gab er den Untertitel "Empfindsame Reisen". Nicht zufällig bezog er - ein moderner, eigenwilliger Vertreter der Empfindsamkeit - sich so auf Lawrence Sterne. Die Binnenwelt des pessimistischen Erzählers hatte er schon früh selbst beschrieben. So in einem Typoskript aus den 30er Jahren: "Du erhältst den Brief eines Mannes, der viele Stunden lang in einem einsamen Coupé sich mit Denken quälte und nun in einem Zimmer sitzt wie in einer Taucherglocke, tief in ein Meer gesenkt, ganz allein und nur noch durch einen Schlauch, der kaum zum japsenden Atem reicht, mit dem Leben verbunden."

Von 1960 an, als Koeppen Autor des Suhrkamp-Verlags wurde, schien es an frischem Sauerstoff für einen weiteren Roman zu mangeln. Bis zu seinem Tod 1993 hat ihn Koeppen immer wieder angekündigt - er entstand nicht. Der nun vorliegende Band "Auf dem Fantasieross" versammelt 170 bisher unveröffentlichte Prosastücke meist aus der Schublade, die zeigen, wie Koeppen fieberhaft am großen Wurf arbeitete, der über Fragmente nie hinaus gedieh. In den oft akribisch überarbeiteten Notaten manifestiert sich für Herausgeber Alfred Estermann eine "Ästhetik des Unbeendbaren". Wer Koeppen unterstellt, ihm sei mit den Jahren das Schreibvermögen abhanden gekommen, übersieht die Vielzahl seiner kürzeren Texte. So zeigt dieser Band aus dem Nachlass zahlreiche Artikel, die Koeppen seit den 20er Jahren für Berliner Feuilletons schrieb, "leichte Themen, begrenzte Episoden".

Koeppen legte sein Augenmerk eher auf die Beschreibung innerer Zustände, Stimmungen, bildhafter Assoziationen. "Der Autor wich bewusst von der üblichen Interpunktion ab", lautet ein Hinweis zu Beginn der autobiografischen Erzählung "Jugend" von 1976. Die herkömmliche Interpunktion - sie strukturiert den Text und setzt den Fortgang der Handlung in Szene. Koeppen verweigerte sich jeder linearen Erzählstruktur. Spannung schöpfte er vor allem aus seiner lyrischen Gabe zur Introspektion. "Traum eines Romans" hat er einmal den Entwurf einer Geschichte betitelt. Von assoziativen Bildern sind auch alle fünf Romane Koeppens durchdrungen: expressionistische Landschaften etwa, die den tobenden Gedanken schwermütiger Helden entsprechen. Freilich gerinnt solche Empfindsamkeit nur schwer zu Großformen literarischer Prosa. "Ich bin nicht zuletzt deshalb Schriftsteller geworden", erklärte Koeppen 1962 bei der Verleihung des Georg Büchner-Preises, "weil ich kein Handelnder sein mag." Ein poetologischer Widerspruch. "Auf dem Fantasieross" vermittelt Philologie als Abenteuer. Der Band gibt Einblick in den schwierigen Schaffensprozess eines Dichters, dem Marcel Reich-Ranicki bescheinigte, die "sinnlichste Prosa der deutschen Nachkriegsliteratur" geschrieben zu haben.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben