Kultur : Romantiker der letzten Tage

Rufus Wainwright ist der interessanteste Songwriter seiner Generation. Eine Hymne zum ersten Deutschlandbesuch

Gregor Dotzauer

Sage nicht: Es ist ja nur ein Lied. Behaupte aber auch nicht: Es ist ein Wunder. Falsche Bescheidenheit schadet deiner Sache genauso wie Bekehrungswut. Du darfst keinen einzigen Ton von Rufus Wainwrights „Cigarettes and Chocolate Milk“ vorspielen. Nein, du musst Ungläubige in jenen Zustand versetzen, in dem du das Lied zum ersten Mal gehört hast, einen Zustand, in dem man bereit ist, alles zu vergessen, was das Bewusstsein jemals durchquert hat, und sich zugleich wünscht, von irgendetwas hochgehoben und weggetragen zu werden. Dann vielleicht erkennen sie die romantisch irrlichternde Welt, die darin funkelt, und halten es nicht länger aus, ohne diese Musik zu leben.

Es hat dich spätnachts überfallen, in der Sekunde, in der du todmüde aus dem Auto fallen wolltest und dann vor dem Radio sitzen geblieben bist, wehrlos gegenüber diesem Lied, das in dir zu singen anfing. Oder du bist stumpf und unberührbar durch einen langen Nachmittag gestreunt, und es hat dich in einem Café gefunden, ein Stück vom Band im Hintergrund, das auf dich gewartet hatte und dich sofort wieder an den Puls der Dinge anschloss. Du weißt es selbst nicht mehr genau, jetzt, wo die ersten Takte von Rufus Wainwrights Lied von neuem Besitz von dir ergreifen, als wärst du ein Musikautomat, der zu jeder Tages- und Nachtzeit die Fender-Rhodes-Drehorgel auf dem Jahrmarkt von „Cigarettes and Chocolate Milk“ anwirft. Gleich wird ein wurmstichiges Klavier einfallen, dem selbst der beste Stimmer nicht mehr helfen kann, und ein kleines Salonorchester sich zum Einsatz rüsten. Doch zuvor holt der Mann, auf den alles ankommt, Luft für das herzzerreißende Tremolo seines Baritons, dieses immer leicht kreischende Organ, dem man seine Schärfe gar nicht abgewöhnen dürfte, wenn man es nicht mit einer hundsordinären Operettenstimme zu tun bekommen wollte.

Rufus Wainwright stemmt, erst in Dur, dann in Moll, den Melodiebogen seines Lieds in die Höhe, so einleuchtend einfach, dass du meinst, auf Anhieb mitsingen zu können, was eine schwere Täuschung ist. Denn Wainwright phrasiert, indem er Musik und Text zuweilen ohne Rücksicht auf Sinneinheiten verschleift. So trägst du einen Ohrwurm mit dir herum – und ein Lied, das du erst erobern musst. Das macht es besonders schwierig, es loszuwerden. Und während du noch über den tangohaften Schlenker staunst, der den Refrain beendet, fragst du dich, von welchen Begierden und Maßlosigkeiten dieser Mensch singt, der offenbar alles stärker, dicker, süßer und a little bit more deadly braucht, als es ihm guttun würde, brokenhearted, wie er ist.

Mehr verstehst du nicht beim ersten Mal, aber du verstehst sowieso nicht, was das Ganze sein soll. Ein Tom Waits, dessen Herz noch nicht alle Hoffnung hat fahren lassen? Ein Scott Walker Jahre vor der Depression? Ein John Cale im Revuetheater? Du weißt es nicht. Noch kennst du nicht einmal Rufus Wainwrights Namen. Du hast keine Ahnung, wie er aussieht, sein Alter kannst du nicht erraten, und den Titel des Stückes erfährst du nicht. Also machst du dich auf die Suche.

Du versuchst dir vorzustellen, wo solch ein Musiker zu Hause ist, und sattelst dein Pferd. Einen Monat lang reitest du durch dichte blaue Wälder, kämpfst mit Sumpfungeheuern und Kobolden und erreichst mit letzter Kraft eine von Kerzenlüstern und offenen Feuern erleuchtete Burgruine, in der es festlich summt und lacht. Aus den Fensterhöhlungen lehnen beschwipste Elfen, und ein sardonisch grinsender maître de plaisir winkt dich heran und flüstert: Ballsaal, erster Stock! Du watest durch ein Meer verschlungener Leiber und Partyleichen, und du findest ihn einsam als seinen eigenen Zuhörer an einem Flügel sitzend, ein Alleinunterhalter im wahrsten Sinne des Wortes, eingehüllt in einen schwarzen Umhang, das Gesicht unter einer Dominomaske halb versteckt.

Und schließlich findest du ihn tatsächlich, in einer amerikanischen Stadt im tiefsten Mittleren Westen, in einer Konzerthalle, die „The Pageant“ heißt, zusammen mit seiner sechsköpfigen Band.

Er ist jünger, als du gedacht hast, geradezu ein Junge noch, auf eine sentimentale, schmerzhaft verrutschte Art, über deren Eigentümlichkeit hier schon alle alles zu wissen scheinen. Über die Spannungen mit Loudon Wainwright III, seinem singenden Vater, mit dessen Egozentrik er sich in seinem Lied „One Man Guy“ anlegt. Seine Drogensucht, die ihn fast zu seinem Freund River Phoenix ins Grab gebracht hätte. Oder sein Faible für Männer, das schon deshalb keine Nebensache ist, weil er es auf der Bühne von Stück zu Stück offener zur Schau trägt, bis hin zur tuckenhaften Koketterie, mit der er die straight men im Publikum hofiert. Was die Hunderte von Mädchen auf den Rängen nicht hindert, für ihn zu jubeln, gekreuzt von den „We love you“-Rufen seiner schwulen Gemeinde, die er mit dem Lied „The Gay Messiah“ glücklich macht.

Sein Faible hat aber auch für die musikalische Staffage seiner Popopern in Pillenform seine Bedeutung. Von Donizetti und Bellini, den Helden seiner Kindheit, sind sie weiter weg als von seiner imaginären Schwester Judy Garland. Aber wie all das in seinen von Pierre Marchand und neuerdings von Marius deVries bis in den letzten Winkel ausarrangierten und im Studio zusammengebastelten Stücke zusammenfließt – da ist ein Beispiel reizvoller als das andere: egal, ob man es mit „Cigarettes and Chocolate Milk“ hält, dem Eröffnungsstück seiner zweiten und bisher besten CD „Poses“, deren Titellied sich nicht weniger fatal einnisten kann, oder mit „Vibrate“, einer Arie von seinem jüngsten Album „Want One“, die das zeitgemäße Liebesgeständnis „My phone vibrates for you“ enthält.

Und alle haben es gemerkt. Martin Scorsese, der Rufus Wainwright in seinem nächsten Film „The Aviator“ als Barsänger vom Typ Bing Crosby auftreten lässt. David Byrne, der sich zusammen mit Wainwright auf seiner neuen CD mit einer Bizet-Arie plagt. Michael Stipe von REM, der erklärt hat, Rufus komme gleich nach Nina Simone. kd lang, die meint, er sei genau das, was ihr der Doktor verschrieben habe. Oder Nelly Furtado, die jubelt: Rufus sei ein wahrer Hochgenuss in diesem Erdenleben. Nur du hattest sein Songwriter-Genie verschlafen. Jetzt bist du zum Glück aufgewacht, auch wenn du das Erscheinen von „Want Two“ im Herbst schon fürchtest. Wenn die Lieder dieses Albums mit der gleichen Ausdauer in dir herumspuken, kommst du die nächsten fünf Jahre nicht mehr ins Bett.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben