Kultur : Romantisches Ballett: Ein Herz im Winter

Ulrich Amling

Nein, unter geradezu mörderischer Tanzwut leidet es nicht, das Berliner Ballettwesen. Immer seltener treten die Tänzer auf die Bühne, immer weniger Publikum locken sie mit ihren Darbietungen an. Dafür fand die Deutsche Opernkonferenz tadelnde Worte und rechnete vor, dass an der Staatsoper 1998 noch 71 Ballettabende gegeben wurden, im Jahr 2000 aber lediglich 52. Diese Verknappung des Angebots quittierten die Zuschauer postwendend: Sie blieben dem Haus Unter den Linden mehr und mehr fern. Nun soll sie der Zauber von "Giselle" zurückholen, soll sie der Taumel nächtlicher Tänze untoter Damen und das Niedersinken männlicher Opfer in Bann schlagen.

Für die Einstudierung des romantischen Gipfelwerks wurde erneut Patrice Bart an die Staatsoper verpflichtet, der sich sowohl an die Choreografie der Uraufführung von Jean Coralli und Jules Perrot, als auch an seine eigene Adaption für die Mailänder Scala anzulehnen suchte. Sekundant Peter Farmer ließ derweil in Berlin seine vierzehnte "Giselle"-Kulisse aufstellen. Ein routiniertes Gespann, das liefert wie bestellt. Und der erklärte Auftrag von Georg Quander, immer noch kommissarischer Ballettdirektor, lautete: Es möge ganz traditionell werden. Das ist, gerade im Ballett, keine grundweg falsche Forderung. Ermöglicht es doch der Compagnie, eine weitreichende stilistische Kompetenz aufzubauen und sie ihrem Publikum vorzustellen. Doch der starre Blick auf "Original"-Choreografien hat an der Staatsoper bereits wenig originelle Abende gezeitigt - man denke nur an den staubtrockenen "Lac des fées" nach Filippo Taglioni, der Tänzerinnen und Tänzer des Hauses auf das Niveau von Laubsäge-Figurinen reduzierte. Doch: Irgendwo muss bei aller choreologischer Korrektheit, das Spielbein beweglich bleiben und der Persönlichkeit der Akteure Rechnung getragen werden.

"Damit ein Ballett einigermaßen glaubhaft werde, muss alles in ihm unmöglich sein", hatte Théophile Gautier, der Pariser Salonlöwe und "Giselle"-Librettist, einst gefordert. Das hat man an der Staatsoper anscheinend falsch verstanden. Bart jedenfalls fordert seine Tänzer zu pantomimischen Großtaten heraus, die uninspiriert zu Boden fallen und für die er besser nach einem tänzerischen Ausdruck gesucht hätte. Doch selbst wenn die Gruppen mal in Bewegung geraten, glaubt man das Mitzählen der Schrittfolgen im Saal hören zu können. Ein genauer Ballettmeister ist er gewiss, doch wo er die Zügel lockern muss, damit zu tänzerischer Perfektion auch persönlicher Ausdruck kommt, das weiß er nicht. Erschreckend schwach hangelt sich das männliche Personal des Staatsopern-Balletts durch den Abend. Ronald Savkovic absolviert als Albrecht sein Liebeswerben um Giselle, als wolle er den Verkehr auf einer Berliner Straßenkreuzung regeln. Was findet sie nur an diesem Ampelmännchen? Auch Thorsten Händler, der zum Ende der Saison aus dem aktiven Tanzleben scheidet, gibt einen grauen Widersacher Hilarion, dessen halsstarre Biederkeit bestens mit dem Bühnendekor korrespondiert.

Nur durch einen Unfall (Steffi Scherzer hatte sich verletzt) konnte das Glück in die Räume des Theatermuseums Unter den Linden gelangen. Zwischen Pappkameraden und Tanzmaschinen erscheint auf einmal ein Mensch: Margaret Illmann, Giselle, der Deutschen Oper wegen fehlender Rollenangebote entschwunden, der Staatsoper für wenige kostbare Tage zugefallen. Sie taucht auf aus der quälenden Sprachloskeit, poetisch, ein Herz im Bühnen-Winter. Ihr Entsetzen über den Liebesverrat lässt sie bald fliegen, bald fallen, dass einem der Atem stockt. Als untote Jüngerin der Wilis überstrahlt ihre Glut im weißen Akt alle Eisesspitzen, die die pendantische Königin Myrtha (Beatrice Knopp) gegen sie schleudert. Jubelstürme, was sonst. Allein ihr Abend, unser einziges Glück.

Unverständlich hingegen die Buh-Rufe für den Dirigenten Ivan del Prado. Viel besser als der Kubaner sie mit der Staatskapelle präsentierte, ist die Musik von Adolphe Adam einfach nicht. Weder schaut sie mit Weber in die finsteren Abgründe der Natur, noch psychologisch geschärft wie später Tschaikowsky in die Menschen hinein. Hier trifft del Prado keine Schuld, der die lockeren Tanzfolgen schlüssig zusammenhielt, auch wenn dabei ein Schuss Charme auf der Strecke blieb. Ein kleiner faux pas gemessen an der penetranten Steifheit von Barts Inszenierung. Angesichts seiner "Giselle" hat die trockene Analyse des Tanzforschers Max von Boehn aus dem Jahre 1925 (!) nichts von ihrer Gültigkeit eingebüßt: "Als selbständige Kunstgattung ist das Ballett einstweilen, wahrscheinlich nur vorübergehend, ausgeschaltet, als Kunstübung aber lebt es. In der Oper fristet es ein bescheidenes Dasein." Wenn, ja wenn nicht Margaret Illmann, das personifizierte Leben, ein kurzes Gastspiel Unter den Linden hält. Und sei es nur für drei sternklare Dezember-Nächte.

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