Kultur : Romanze und Gebet

RAOUL FISCHER

Susanna im Bade.Eine zierliche, orientalisch gekleidete Frau steigt mit vorsichtigem Schritt in ein Bassin, während sich im Hintergrund zwei gnomenhafte Greise nähern.Bedrohlich grollen Wolken über den Bäumen.Dahinter steckt ein Krimi.Die Daniel-Apokryphen des Alten Testaments überliefern die Geschichte einer Ehefrau, die ihre Unschuld gegen zwei alte Männer verteidigt.Die beiden Lüsternen, soeben zu Richtern gewählt, lauern ihr auf und wollen sie zur Unzucht zwingen.Sie drohen, sie als Ehebrecherin anzuklagen.Im letzten Moment - der Scheiterhaufen ist schon gerichtet - enthüllt der Prophet die wirklich Schuldigen, die dann anstelle Susannas im Feuer enden.

Das kleine dramatische Bild findet sich im "Berliner Stundenbuch der Maria von Burgund und Kaiser Maximilians" aus dem 15.Jahrhundert.Die Bilderhandschrift stellt einen Höhepunkt mittelalterlicher Buchkunst dar und ist einer der wertvollsten Schätze des Kupferstichkabinetts der Staatlichen Museen zu Berlin.Unter den 367 Seiten im Format von nur 7 auf 10,3 Zentimetern finden sich 91 Blätter, die Malereien und Ornamente enthalten, darunter 28 mit ganzseitigen Darstellungen.Die Bilder illustrieren nicht einfach den Text, sondern erschließen eine eigene Welt.Sie holen Geschichten, die weit zurückliegen, in die Gegenwart des Künstlers und liefern so auch eine Vorstellung vom Leben im Herzogtum Burgund.Der Schöpfer selber ist nicht bekannt und wird als "Berliner Meister der Maria von Burgund" bezeichnet.Es ist das früheste Zeugnis eines Stils, der die burgundische Buchmalerei bis in das 16.Jahrhundert hinein prägen sollte.Die Geschichte der Susanna gehört zu den Heiligenbildern und Fürbitten in der Mitte des Stundenbuchs.Auf der gegenüberliegenden Seite steht ein Gebet, das Gott um Schutz vor falscher Zeugenaussage bittet.Daß sich Susanna überhaupt in einem mittelalterlichen Stundenbuch findet, kommt nicht oft vor.Ist sie doch keine Heilige der christlichen Kirche, sondern eine Figur des Alten Testaments.

Neben dem persönlichen Gebet oder der Meditation kennt die christliche Kirche von Anfang an eine Form des Betens, die an Jahreszeiten und an Tageszeiten gebunden ist.Bei letzterer wird der Tag zu bestimmten Stunden unterbrochen, gewissermaßen gegliedert.Dem liegt die Idee zugrunde, den Tag zu "heiligen", vom Gebet durchdringen zu lassen.So entstanden zwei Textsammlungen: eine umfangreichere - das "Brevier" - für Kleriker und eine einfachere für Laien, das "Stundenbuch".Das Stundenbuch war einfacher aufgebaut und berücksichtigte die Jahreszeiten nur in wenigen Teilen, zum Beispiel im Kalendarium.Susanna ist im "Berliner Stundenbuch" die letzte der Heiligen, man findet sie schnell.Es liegt nahe, diese Geschichte einer beispielhaften Frau in einer moralisch engen Gesellschaft in Beziehung zur Gegenwart zu setzen.Gab es Anlaß dazu im Leben der Eigentümerin?

Die nüchterne Angabe "Handschrift 78 B 12" bezeichnet ein Buch, das schon in seiner Zeit von unschätzbarem Wert war.Bisher handschriftlich vervielfältigt - die Druckkunst war gerade erst erfunden worden - stellten Bücher einen enormen Wert dar, und fanden sich hauptsächlich in Klöstern, Kirchen und an Adelshöfen.Nur hohe geistliche und weltliche Würdenträger konnten es sich leisten, ein Buch, das für den täglichen Gebrauch bestimmt war, in dieser kunstvollen Form gestalten zu lassen.Dieses war für eine Herzogin edelster Abstammung und ihren kaiserlichen Gemahl bestimmt.Die beiden ineinander verschränkten "M" neben Bild und Text verweisen auf Maria und Maximilian, das Schild am Fuß des Bildes auf die Familien der beiden und deren Reiche: Die für den Betrachter linke Hälfte auf das Haus Habsburg und das Erzherzogtum Österreich und die rechte Hälfte auf Alt- und Neuburgund.

Wer sich mit dem "Berliner Stundenbuch" beschäftigt, taucht in ein Drama, aber auch in eine der wenigen Romanzen mittelalterlicher Heiratspolitik ein.Zwei Reiche ringen im 15.Jahrhundert um die Vormachtstellung in Europa: Frankreich mit seinem König Ludwig XI., dem Grausamen, und das Römische Reich des deutschen Kaisers Friedrich III.Beide werden getrennt durch das reiche Königtum Burgund Karls des Kühnen.Als der 1477 stirbt, richtet sich der begehrliche Blick beider europäischer Großmächte auf sein Erbe, genauer gesagt auf die Erbin.Denn durch seine attraktive Tochter Maria, 1457 geboren, wäre über eine Heirat das Burgunderreich unblutig zu gewinnen.Marias Taufpate Ludwig XI.will sie mit seinem achtjährigen und überdies mißgestalteten Sohn Karl verheiraten.Um seine Brautwerbung zu unterstreichen, schickt er Truppen nach Burgund, die den Süden und Westen verwüsten.So ergeht ein Hilferuf an den Kaiser.Der hat weder Truppen noch Geld, aber einen blondgelockten, sehr gut ausschauenden Sohn: Maximilian, ein wahrer Märchenprinz.Davon soll sich auch Maria durch die ihr übersandten Porträts überzeugt haben.Indes, die burgundischen Generalstände sehen ein, daß eine Heirat mit Frankreich auch ihnen schaden könnte, und so wird im April 1477 in Brügge die Hochzeit mit einem Stellvertreter für den Habsburger vollzogen - keusch, mit scharfem Schwert im Brautbett.Maximilian macht sich auf den Weg von Wien nach Gent auf, wo Maria sich bei ihrer Stiefmutter Margarete von York aufhält.Die Abenteuer dieser Brautfahrt wird er nach Marias frühem Tod in seinen Werken "Weißkunig" und "Theuerdank" besingen.Vier Monate nach der Eheschließung trifft er gegen 11 Uhr nachts bei Maria ein.Beide sind tiefbewegt und nervös - wahre Liebe.Ein Jahr später wird Philip geboren - später "der Schöne" genannt, 1480 Margarete und 1481 Franz, der bald nach seiner Geburt stirbt.Im Jahr 1482 stirbt Maria infolge eines Reitunfalls.

Das "Berliner Stundenbuch" geht in den Besitz der kleinen Margarete über.Das belegt eine handschriftliche Widmung ihres Vaters Maximilian auf der Rückseite des Blattes für den Sonntag.Auch dieses Blatt ist in der Ausstellung zu sehen, die heute abend um 20 Uhr im Kupferstichkabinett eröffnet wird und ab morgen der Öffentlichkeit zugänglich ist.In einer überschaubaren Anzahl von Vitrinen und Bildern vermittelt sie einen Einblick in das Stundenbuch und seine Welt.Die Exponate beeindrucken durch den Wechsel zwischen kräftiger und zurückhaltender Farbgebung, teilweise dramatischen Charakter und räumliche Tiefe.Neben dem "Berliner Stundenbuch" finden sich auch andere Kunstwerke, wie Blätter aus dem Stundenbuch des Maximilian und dem "Wiener Stundenbuch der Maria von Burgund", dem Werk eines anderen Meisters.Gleich am Eingang zeigt ein Bild aus "Weißkunig", in dem Maximilian seine Liebe besingt, das Glück der jungen Eheleute: Maximilian und Maria sitzen zusammen.Sie lernen die Sprache des anderen.

Kulturforum, Matthäikirchplatz 4, vom 17.12.1998 bis zum 11.4.1999, Dienstag bis Freitag von 10 bis 18 Uhr, Samstag und Sonntag von 11 bis 18 Uhr.Ein Faksimile-Edition soll im Faksimile Verlag Luzern in Zusammenarbeit mit dem Coron Verlag Lachen erscheinen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben