Romanzen und Affären : Der kurze Sommer der Liebe

Dann kam der Abschied. Mit ihm das Versprechen: Ich rufe dich an, ich melde mich, wir sehen uns wieder … Und nun?

Maria Carmen Morese
Balthazar Getty und Sienna Miller zelebrieren die Sommerliebe modern: schnell, lautstark, öffentlich.
Balthazar Getty und Sienna Miller zelebrieren die Sommerliebe modern: schnell, lautstark, öffentlich.Foto: picture alliance / Photoshot

Odio l’estate – ich hasse den Sommer“, sang in den 60er Jahren der italienische Komponist Bruno Martino. Die melancholische Ballade „Estate“, die heute zu den schönsten Jazzstandards zählt, ist einer unglücklichen Liebe gewidmet, die im Sommer auf- und verblühte. „Un amore“, die jetzt das liebende Herz gerne auslöschen würde. Zugegeben, kennen nicht viele dieses Gefühl, das sich nach einem schönen, ereignisreichen Sommer einstellt? Ach, die glänzenden Augen, die weichen, warmen Lippen ... Beim Abschied versprach man sich gegenseitig anzurufen, sich zu melden, sich wiederzusehen ... Und nun? Zurück am Arbeitsplatz, in der Uni, im Schoß der Familie fragt sich manche/r, was aus der Sommerliebe werden wird, wenn der Herbst kommt und einen die geografische Distanz von der/dem Angebeteten trennt.

Wem will man Glauben schenken? Den Fachleuten, den Frauenzeitschriften oder den Freundinnen? Egal, alle sind einer Meinung. Die Botschaft ist keine frohe: Höchstens zehn Prozent der Liebesgeschichten, die im Urlaub entstehen, erreichen den Herbst. Ein Seufzer ist hier angebracht.

Die Sommerliebe hat keinen guten Ruf. Immer wieder wird sie als Eintagsfliege abgetan: aufregendes, aber ephemeres Abenteuer, gefährliches Spiel. Ausgenommen sind hier freilich die glücklichen Liebenden, diejenigen zehn Prozent, die ausgerechnet in diesem Sommer Mr. oder Mrs. Right kennengelernt haben. Gratulation all jenen unter den Lesern. Für alle anderen gilt die famose, oben erwähnte (Binsen-)Weisheit. Ein Blick in die Geschichte zeigt aber, dass unsere Vorfahren anders damit umgingen. Sie hielten viel von flüchtigen Romanzen und wussten, dass von ihnen unerwartete, wichtige Impulse ausgehen können, ohne die unser Leben farblos und fade wäre. Nehmen wir zum Beispiel mal Odysseus (8. Jhdt. vor Christus). Trotz der trojanischen Kriegsstrapazen und der Entbehrungen auf See ist der Sohn des Laërtes ein attraktiver Mann. Nausikaa und Kalypso verfallen ihm. Die Göttin Pallas Athene ist ihm wohlgesinnt, und die Ehefrau Penelope wartet zu Hause enthaltsam auf seine Rückkehr. Auch die Zauberin Kirke ist von ihm angetan und bezaubert ihn „mit schmeichelnden Worten“. (Übrigens war es auch in der Antike nicht anders als heute: Damenwahl. Also die Frau entscheidet, ob der Flirt beginnen kann.) Die Liaison mit der Magierin währt lediglich ein Jahr, aber vor seiner Abfahrt erhält Odysseus einen Hinweis von großer Tragweite. Kirke verrät ihm, wie er den unheilvollen Sirenengesang unbeschadet übersteht. Odysseus gibt geschmolzenes Wachs in die Ohren seiner Gefährten und lässt sich am Mastbaum seines Schiffes festbinden. Ohne die Affäre mit Kirke wären Odysseus und seine Kompagnons von den Halbgöttinnen, die nackte Mädchenbrüste und Vogelkrallen besitzen, in den Tod gerissen worden. Und auch den Mythos gäbe es nicht. Dass hier Odysseus mit Kirke Ehebruch und Liebesverrat begeht, scheint weniger wichtig zu sein. Kirkes Ratschlag hat dem Helden das Leben gerettet. Und auch für Penelope führt dies zu einem guten Ende, weil der Gatte endlich heimkehrt.

Schenkt man den antiken Dichtern Gehör, dann sollte man die knappe Lebenszeit genießen. Um es mit dem Gaius Valerius Catull (1. Jhdt. vor Christus) zu sagen, „wenn uns einmal das kurze Lebenslicht ausgeht, dann muss eine einzige ewige Nacht geschlafen werden“. Die Antiken wussten das Prinzip „Carpe diem“ und auch die episodenhafte Liebelei zu schätzen. Was sie aber vor Herzweh und Enttäuschung nicht schützte. „Odi et amo. Ich hasse und ich liebe.“

Eine Überraschung bereitet aber das Mittelalter, das oft irrtümlich als dunkle, rückständige Epoche betrachtet wird. Der florentinische Dichter Giovanni Boccaccio (1313–1375) illustriert in seiner Novellensammlung „Decameron“ ein Prinzip, das bei manchem heute noch Aufregung verursachen könnte. In der siebten Novelle des sechsten Tages wird Frau Filippa von ihrem Gatten in flagranti erwischt, während sie in den Armen „eines edlen und schönen jungen Mannes“ liegt. Vor dem Richter, der ihren Tod beschließen soll, erklärt die Dame ihren Standpunkt mit folgendem Axiom: „Wer liebt, hat recht.“ Filippa beteuert, dass ihr Ehegatte von ihr immer erhalten habe, was er verlangte, und fragt den Richter: „Was sollte ich mit dem beginnen, was mir noch übrig blieb? Sollte ich es den Hunden vorwerfen? Ist es nicht weit besser, einen edlen Mann (...) damit zu erfreuen, als es ungenützt verderben zu lassen?“ Nach dem Motto: Emotionen im Überschuss sollten frei ausgelebt werden. Also ein Happy End: Alle Leute einschließlich des Richters finden, dass Frau Filippa recht habe und nicht verurteilt werden dürfe.

In der abendländischen Kulturgeschichte gehen aber weibliche Intelligenz und Liebe nicht immer zusammen. Eine geistreiche Frau wird als gerissen und verschlagen abgewertet, wenn sie nicht die Leidende ist. Wer liebt, hat doch unrecht! So bewundern wir die Opferbereitschaft der Frauen, beispielsweise der Violetta aus Giuseppe Verdis Traviata (1853). Oder wir finden uns mit der stumpfen Emma Bovary (1856) sowie mit der bis zur Hysterie liebeskranken Anna Karenina (1877) ab. Die Message: Der Zauber der Leidenschaft ist fatal und sollte so weit wie möglich im Zaun gehalten werden. Wir sagen Ja, aber lassen uns gleichzeitig an den Schiffsmast binden. Wie schön ist es dann, „in festumschlungenen Seilen“ dem betörenden Gesang der Liebe zu lauschen und dabei nur ein wenig zu träumen.

In unserer jahrhundertlangen Geschichte haben wird das Motto „wer liebt, hat recht“ ausgeblendet. Einerseits hat das gute Gründe. Der skrupellose Don Juan weiß seinen Charme gezielt einzusetzen, um seine Befriedigung zu erlangen. Und Mephisto rät Faust, wie er mit ein paar geschickten Sätzen Gretchens Herz für sich gewinnen kann. Man(n) bzw. frau beschützt sich und geht, beschützt zu werden. Die Investition der Frauen in der Liebe ist ja viel größer als die der Männer. Die einen verbringen Jahre mit der Nachwuchspflege, die anderen sind nur ein paar Sekunden gefordert, in denen man etwas Samen abgibt. So weit die Botschaft der Neuzeit.

Wenn wir andererseits auf unsere postmoderne Epoche schauen, erkennen wir, zu welchem Resultat das Sicherheitsdenken geführt hat. Unsere Ängste werden groß und größer. Deswegen brauchen wir die Yoga-Seminare, die Meditation, die Selbsthilfegruppen oder, im schlimmsten Fall, die Psychopharmaka. Denn wir kommen mit der Freiheit nicht klar. Wir können uns in der Liebe frei nach unseren Wünschen und Neigungen orientieren, ohne auf gesellschaftliche Konventionen und Regeln zu achten. Weder Alters- und Klassenunterschiede noch Homosexualität erregen in Westeuropa Aufsehen. Gerade aber die Verantwortung der Freiheit blockiert uns.

Noch in den 50er und 60er Jahren war es anders. Zum Beispiel wurden Liebesbeziehungen zwischen Nord und Süd ungern gesehen. Die norditalienischen Eltern empfanden die Liebe der Tochter zum schwarzhaarigen Süditaliener einer Schande gleich. Mancher Vater weigerte sich gar, an der Hochzeitsfeier der Tochter teilzunehmen, und wies jegliches Treffen mit dem jungen Paar auf Jahre ab. Aber die Liebe war stärker. Und die meisten dieser Ehen dauern immer noch. Wie viele Romeos und Julias gab es auch hierzulande unter den italienischen Gastarbeitern und den deutschen Mädchen? Heute suchen wir nach dem perfekten Partner, der wie ein maßgeschneidertes Kleid sitzen muss: Ist er/sie der/die Richtige für mich? – Das ist die Frage, die sich viele stellen. Und vor allem: Gibt es nicht doch jemanden, der besser ist? Bei Catull und Boccaccio war das kein Thema. In der prüden Gesellschaft der fünfziger Jahre übrigens auch nicht. Nachdem man nach der Studentenrevolte alle möglichen Partner in allen möglichen Stellungen ausprobiert hat, zerbricht man sich nun den Kopf, wo sich die große Liebe verbirgt. Die Mobilität ist gestiegen, Fernbeziehungen zwischen München und Berlin, Rom oder Köln sind heutzutage zur Normalität geworden. Es bleibt aber ein unbefriedigter Rest. Die Zahl der Affären steigt proportional mit den uns zur Verfügung stehenden Möglichkeiten. Ein Liebesabenteuer gleicht in etwa einem Probeabonnement. Fern vom Alltag startet man den Versuch „eines anderen Lebens“. Man würde alles hinter sich lassen, „aussteigen“ und mit der neuen Liebe vielleicht nach Italien ziehen. Ob man mit der jüngsten Flamme glücklicher sein kann als mit dem festen Partner, der/die zu Hause wartet, oder doch besser gleich als Single? Man fährt also Probe. So reihen sich die Fotos der/des gerade Auserwählten in Facebook aneinander. Und unter Familienstand schreibt man „sanft komplizierte Situation“ statt „Single“ oder „verheiratet“.

Vielleicht weil ich in Pompeji geboren wurde, finde ich wie meine römischen Vorfahren die Probestunde der Liebe nicht schlimm. Das amouröse Ereignis, das für manchen gerade in der Reisezeit wie der Blitz einschlägt, offenbart etwas über uns, manchmal nimmt es sogar zukünftige, schicksalsträchtige Entwicklungen voraus. Eine schöne Geschichte zu diesem Thema stammt aus Goethes „Italienischer Reise“. Im Frühjahr 1787 lernt der Dichter in Neapel eine junge Frau kennen. Er ist zu Besuch bei den Freunden Filangieri, als ihm „ein Frauenzimmer“ wegen seiner unkomplizierten, natürlichen Art auffällt. „Einer Putzmacherin ähnlich, die, für die Zierde anderer sorgend, ihrem eigenen Aussehen wenig Aufmerksamkeit schenkt.“ Später erfährt Goethe, dass es sich um eine Prinzessin handelt. Diese lädt ihn bald zu einem Empfang in ihren Palast ein. So kann er ihre Spontaneität, ihren Geist bewundern. Aus der flüchtigen Begegnung wird nichts Festes. Goethe bricht nach Sizilien auf und sieht „das lockere Prinzeßchen“ nicht wieder: Sie ist eingeschnappt, weil er ihr „das steinichte und wüste Sizilien“ vorgezogen hat.

1788 zurück aus Italien in Weimar, lernt der 39-jährige Literat das Blumenmädchen Christiane Vulpius kennen. Zunächst nur ein Abenteuer, eine im kleinen Nest Weimar tolerierte Liebelei. Verblüffend sind die Ähnlichkeiten zwischen der neapolitanischen Adligen und der thüringischen Blumenfrau. In Christiane Vulpius findet Goethe jenen „wundersam glücklichen Charakter“ der Neapolitanerin wieder. Sogar die unordentlichen Frisuren der beiden Frauen gleichen sich. Die Vorbereitung auf die große Liebe, mit der Goethe übrigens fünf Kinder zeugte, fand während des Italienaufenthalts statt.

Man sollte also nicht traurig sein, wenn die Sommerliebe zu Ende geht. Wer weiß, wozu sie gut war. Wenn man den Rat der antiken Autoren befolgen will, sucht man am besten gleich nach einer schönen Herbstliebe.

Und da von Italien und Deutschland die Rede ist, stellt sich zum Schluss die berechtigte Frage, was für eine Liebe beide Länder verbindet: Ist das eine unverbindliche Sommerliebe oder eine dauerhafte Beziehung? Immer wieder wird Italien im Spiegel der deutschen Medien als faszinierende, aber äußerst kapriziöse Frau dargestellt: die unfrisierte Geliebte. Man ist ein wenig in sie verliebt. Sie gefällt einem wegen des milden Klimas, der köstlichen Speisen, der Herzlichkeit der Leute. Wenn sie aber dem eigenen inneren Sehnsuchtsbild nicht mehr entspricht, dann „Ciao Bella!“ und man zieht sich beleidigt zurück. Es ist dann von Enttäuschung die Rede, von „schleichender Entfremdung“, von einer Liebe, die es jetzt durch Symposien, Schriftstellergespräche und Stipendien zu erwärmen gilt, damit sie wieder funktioniert. Wo ist unser altes Italien?, werde ich immer wieder gefragt. Und: Warum wählen die Italiener verlogene und verschlagene Personen in höchste politische Ämter?

Das zwischen Italien und Deutschland ist keine große Liebe, sondern etwas Besseres, Spannenderes: eine wahre Freundschaft. Ein wenig bewundert man Italien, ein wenig beneidet man es, ein wenig fühlt man sich überlegen. Man hat irgendwann erfahren, dass sich die Freundin in einen Schurken verliebt hat, in „un poco di buono“. Deutschland fragt sich: Soll es seine Freundin warnen und die zwielichtigen Manöver des Gauners aufdecken? Die Erfahrung mit der Liebe zeigt, dass die gut meinten Versuche der Freunde nutzlos sind. Das verliebte Gehirn blockt solche Botschaften ab. Die Körperchemie hat Scharfsinn und Urteilskraft vieler Italiener eingefroren. Also bleibt Deutschland nichts anderes übrig als abzuwarten, dass die italienische Freundin bald wieder zu Verstand kommt, während man selber auf die Frau Vulpius seiner Träume wartet, die man noch nicht gefunden hat.

Maria Carmen Morese ist auch Autorin des im Juni 2010 erschienen Buches „Amore, amore! Liebe auf Italienisch“. Ullstein-Verlag, 331 Seiten, 8,95 Euro.

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