Kultur : Romeo und Julia in Palästina

Moritz Rinke

In Jenin, einem Flüchtlingslager in der Westbank, sprach ich mit dem Lehrer eines Jungen, der sich und einen Israeli bei einem Selbstmordattentat im Mai 2002 in Haifa tötete. Am Tag, als Raed bei ihm Jahre früher eingeschult wurde, fuhr in der ersten Schulstunde ein israelischer Panzer durch das Haus seiner Eltern. Zur Schule hatten sie ihn noch gebracht, danach hat er sie nie wiedergesehen.

Er kam in ein Heim, wo Ali und Asraf schon waren. Die drei, sagte der Lehrer, waren sehr stille Schüler, sie sprachen kaum etwas und man ließ sie auch. Dann gründete eine Jüdin ein Kinderhaus und ein Jugendtheater in Jenin, in dem Raed wenig später den „Clown von Jenin“ spielen sah, ein etwas älterer Junge, der allen Kindern versprach, die Sonne ins Haus zu holen. Raed hatte zwar kein Haus mehr, aber diesen Clown Jusuf mochte er, er wurde sein Freund.

Jusuf überredete Raed, den Romeo zu spielen, denn die jüdische Frau wollte mit den Kindern „Romeo und Julia“ aufführen, die Geschichte der verfeindeten Familien Montague und Capulet. Raed hatte noch nie öffentlich gesprochen, aber er hatte die schönsten Locken. Der Lehrer sah bei den Proben zu und musste, wie er sagte, weinen, weil er Raed das erste Mal lächeln sah. Die Julia spielte Amel, ein Mädchen, das einen Kopf größer war als Raed und in die er sich natürlich verliebte.

„Finden Sie das zu kitschig?“, fragte mich der Lehrer, „nein, nein“ sagte ich, „das ist ganz normal, in Deutschland verlieben sich die Schauspieler auch immer, manchmal alle sieben Wochen“. Raed hatte sich aber so verliebt, dass er den Schluss von Shakespeare ändern wollte, sagte der Lehrer. Er wollte weder Tybalt noch Graf Paris und schon gar nicht sich selber töten, er wollte Frieden schließen mit den Capulets, schließlich wurde auch Tybalt von seinem Freund Asraf dargestellt. Die Jüdin, die das Stück mit den Kindern inszenierte, ließ es Raed umschreiben, und am Ende überlebte der „palästinensische Romeo“. Er spielte das Stück, bis er 14 war, mit Amel.

Im März 2002 fuhren wieder die Panzer durch Jenin. Asraf wurde, als er Steine schmiss, erschossen; Amel bei einem Raketenangriff getötet, Raed fand sie noch in den Trümmern ihres Hauses. Der Lehrer war nach Ramallah geflüchtet. Einige Monate später verstarb die Jüdin an Krebs und das Theater wurde geschlossen.

Raed und sein Freund, der Clown Jusuf, gerieten an Abu Ahmad, Anführer der Al-Aksa-Brigaden und einer der schlimmsten Märtyrertod-Prediger in Jenin, der ihnen viele Jungfrauen im Paradies versprach. Der Lehrer sagt, man habe von dem umgeschriebenen Buch, in dem die Capulets und Montagues überleben und das Raed nach Haifa mitgenommen haben soll, nichts mehr gefunden.

Der Israeli, der ebenfalls mit Raed durch die Bombe in einem Café getötet wurde, war Sekretär einer Stiftung für den israelisch-palästinensischen Friedensprozess.

„Aufschlag“ erscheint jeden Montag. schreibt im Wechsel mit Rainer Moritz.

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