Kultur : Rosa Grinsekatze

Joachim Bessings großer Liebesroman „Untitled“.

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Rainald Goetz war schon im April diesen Jahres ganz verzweifelt, als er diesem Roman in der „Zeit“ eine Jubelbesprechung widmete: „Wo bleiben die Hymnen, die großen Rezensionen?“. Mittlerweile befinden wir uns im schönsten Hochsommer und auch schon mitten im Bücherherbst, und leider haben sich die Literaturwelt und die Popwelt und überhaupt die Welt sträflichst zurückgehalten mit den Hymnen auf Joachim Bessings „Untitled“.

Ein Versäumnis, keine Frage. Allein, wie Bessing hier von seiner ja tatsächlichen Entlassung beim Springer-Verlag erzählt, ist hochkomisch und lohnt die Lektüre. Sein Ich-Erzähler hat einem befreundeten Graffitikünstler Zugang zum in Berlin allgegenwärtigen „Welt“-Ballon verschafft, auf dass der eine rosa Grinsekatze darauf male und der Ballon dann solcherart verziert vor den Chefbüros im Springer-Hochhaus schwebe. Auch ein großer Spaß: Wie Bessing seinen einstigen Popliteraturkumpel Goetz in „Untitled“ immer wieder vorkommen lässt und zum Beispiel so beschreibt: „Rainald Goetz war, von allen, die ich kannte, der einzige Schriftsteller, den ich mir in der Muppet Show vorstellen konnte.“

Das sind lesenswerte Anekdoten. Wichtiger noch ist, dass es in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur schon lange nicht mehr so viel Liebesverzweiflung gegeben hat wie in „Untitled“, dass im Vergleich dazu selbst ein Martin Walser mit seinem Briefroman „Das 13. Kapitel“ oder anderen Liebesverzweiflungsbüchern ganz blass werden müsste.

Die Liebe drückt sich hier zwar vornehmlich via Smartphone und Tablet aus, aber das tut ihrer Intensität keinen Abbruch. Immer liebesirrer taumelt Bessings Erzähler durch den Roman, bis nach Australien; immer kaputter werdend, keine Peinlichkeit scheuend und schon gar keine peinlichsten Liebeslieder wie Purple Schulz’ „Sehnsucht“ oder Grönemeyers „Flugzeuge im Bauch“.

Von Beginn an ist klar: Seine Liebe hat keine Chance – die Angebetete ist verheiratet und will das bleiben. Aber anders kann das auch nicht sein, denn das Liebesscheitern macht das Gelingen dieses Romans erst möglich. Dass Bessing derweil in Addis Abeba lebt und angeblich an einem ultimativen Äthiopien-Roman schreibt, muss man deshalb nicht einmal als Drohung verstehen. Gerrit Bartels

Joachim Bessing

Untitled. Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2013.

303 Seiten, 19,90 €.

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