Kultur : Rosa Panther

Magisch: „The Life and Death of Peter Sellers“

Sebastian Handke

Wie verfilmt man das Leben eines Mannes, den es nicht gab? Eines Mannes wohlgemerkt, der selbstverständlich existierte in einem physiologischen und perzeptiven Sinn. Der so vieles war, aber niemals er selbst; der sehr darunter litt und es dennoch forcierte. Denn sein Genie nährte sich eben davon: von der größtmöglichen inneren Leere.

Peter Sellers, der brillante Komiker, Inspektor Clouseau, Fu Man Chu und Dr. Strangelove, er war kein Chamäleon. Er war ein Gefäß, „in welches Charaktere und Persönlichkeiten hineinflossen wie Phantome“. Sagt Stanley Kubrick und fügt hinzu: „Auch ein leeres Gefäß kann einmal überlaufen.“ Die beiden sitzen auf dem Rücksitz einer Limousine und streiten darüber, ob Sellers in Kubricks „Dr. Seltsam“ nicht auch noch eine vierte Rolle übernehmen kann. Doch sie fahren gar nicht im Auto, sondern sitzen in einer Requisite mit Rückprojektion. Und als Kubrick diese Worte sagt, ist Sellers schon ausgestiegen. Und Kubrick ist gar nicht Kubrick, sondern es ist Peter Sellers als Kubrick. Verkörpert von Geoffrey Rush, dem Hauptdarsteller dieses ungewöhnlichen Biopics.

Klingt verwirrend? Ist es aber nicht. „The Life and Death of Peter Sellers“ ist ein Spiel der Ebenen und Wirklichkeiten – passend zu einem Mann, den es nicht gab. Bilder, Interviews und einige Biografien; Anekdoten, Erinnerungen sowie viele selbst gedrehte Familienfilme – über Peter Sellers, den Meister der Maske, gibt es kaum mehr als Augenzeugenberichte. Also verfugt man das Material kunstvoll zu einem spektakulären Mosaik-Pastiche, in dem jedes Element gleiches Gewicht hat – ob es aus Sellers Leben, seiner Fantasie oder seinen Filmen stammt. Dass dabei noch ein kohärenter Lebenslauf aufscheint, ist das eigentliche Kunststück dieses trickreichen Films.

Die Reise hebt an, als Peter Sellers schon ein Star ist – im Rundfunk, bei der BBC-Sendung „The Goon-Show“. Dank seines Talents zur Mimikry trickst er sich ins Filmgeschäft hinein, und dort geht’s so steil bergauf wie mit seiner Familie den Bach runter. „Der rosarote Panther“ wird sein Durchbruch und sein Fluch. Die dominante Mutter (Miriam Margolyes) und ein Hellseher (Stephen Fry) pfuschen ihm ins Leben, und erst spät verwirklicht er sein Traumprojekt: „Being There“, einen Film über einen Gärtner ohne eigene Persönlichkeit.

Clown und Dämon: Sellers ist ein Mann mit viel Verachtung für sich selbst und alle anderen, ein egozentrisches, selbstzerstörerisches Monster. Sein tragisches Leben entfaltet sich als burleskes und grimmiges Vexierspiel zwischen Realität, Film und Traum. Wenn er etwa während eines Herzinfarkts sich selbst als Dr. Seltsams Bombe fantasiert. Wenn er die Trennung von seiner Frau (Emily Watson) gleich in der Tonkabine als Versöhnungsszene neu synchronisiert. So wechselt dieser Tanz fortwährend Stil und Takt, bis Sellers vor einem Schweizer Bergrestaurant zur Säule erstarrt und nicht einmal mehr von Intimfreundfeind und „Pink-Panther“-Regisseur Blake Edwards (John Lithgow) wachgeküsst werden kann – wohl der einzige Mensch, von dem man sagen kann, er sei mit Sellers gemeinsam alt geworden.

Geoffrey Rush leistet in der Hauptrolle Unglaubliches: schon physiognomisch. Vor allem aber hat er sich die vielen Stimmen angeeignet, die Sellers selbst in seinem Privat- wie im Filmleben vorübergehend annahm. Regisseur Stephen Hopkins, Produzent und Regisseur der Echtzeitserie „24“, weiß, wie man aus zahllosen Einzelstücken ein fesselndes Ganzes erstellt – alles andere als das, was man heute schnell ein „Doku-Drama“ nennt. Nein, trauen darf man diesem Film nicht. Womit er ganz auf der Linie seines faszinierenden Gegenstands liegt.

Broadway, Cinemaxx Potsdamer Platz, Kulturbrauerei, Odeon (OV)

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