Kultur : Rosa Rot

Das Gespenst des Kommunismus: Claus Peymann sucht Beistand in kriegerischen Zeiten. Da kommen Gevatter Brecht und seine „Mutter“ im Berliner Ensemble gerade recht

Peter von Becker

Diese „Mutter“ hat nun auch eine Groß- und Übermutter. Als erstes erscheint auf dem Vorhang des Berliner Ensembles der Kopf von Rosa Luxemburg, mit den Lebensdaten 5. 3. 1871 - 15. 1. 1919.

Claus Peymann hat die Premiere seiner Inszenierung auf den 84. Jahrestag der Ermordung Luxemburgs gelegt. Und bevor es in Bertolt Brechts Dramatisierung eines Gorki-Romans (von 1931/32) gleich losgeht mit den wacker und hungrig an geheimen Streikaufrufen werkelnden russischen Arbeitern – noch regiert der Zar, und der Fabrikbesitzer hat gerade den Stundenlohn um eine Kopeke gesenkt –, da tritt die rote Rosa vors Publikum. Sie zitiert Schillers „Wallenstein“ und verkündet uns: „Der Tag ist nah, und Mars regiert die Stunde. Das passt auch auf heutige Zeiten.“ Noch herrsche der Kriegsgott und die „Macht (ist) bei denjenigen, die sich allein auf eine Welt von Mordwaffen stützen. Noch werden Kriege vorbereitet.“ Aber der Tag ist nah. Der Tag der Revolution – im Theater?

Die pazifistische Kriegerin für den wahren, besseren Sozialismus tritt hier noch mehrmals auf als alter linker Geist der Stunde: in Gestalt der Schauspielerin Therese Affolter. Eine zierlich Statiöse, die unter Peymanns Fittichen einen langen Weg gegangen ist, vom Goetheschen Gretchen bis zu Kroetzens Petra Kelly, so steht sie vor uns im hochgeschlossenen Souffragettenkostüm, mit aufgetürmter Luxemburgfrisur, doch sehr käsgesichtig, altmädchenhaft, eher eine lyrische als eine politische Figur. Forensischen Furor hat sie überhaupt keinen, manchmal betont sie auch gegen den Sinn der steif und theaterhaft deklamierten Reden. Trotzdem holt sie sich im renovierten Brecht-Haus manchen Beifall.

Das freilich ist kein Szenen-Applaus. Er gilt nicht dem (fehlenden) Spiel, er gilt nur dem Bekenntnis. Und das hat der Profi Peymann natürlich vorher gewusst. Es ist sein Trick: Was du als Kunst nicht hast, das macht zur Not die Botschaft. Die rote Rosa als Deutschlands bleiche Mutter, das rührt, wenn unser Kapitalismus draußen kriselt und kriegelt, allemal ans Gemüt. Peymann, dem die gläubigen Brechtianer vorwerfen, dass er das Berliner Ensemble verweltlicht und verwestlicht habe, mit der neuen Bürgermitte im Publikum, er sichert sich mit dem Hauspatron B.B. und der schutzheilig herbeizitierten Rosa nun gleich doppelt ab.

Nicht ungeschickt. Und irgendwie ist es sogar ganz kühn, „Die Mutter“ heute noch im Erwachsenentheater zu spielen – mit all den blechnapfrührenden Proletariern, dem schwarzweißgeschnitzten Weltbild, in dem gutmütige, analphabetische Hauswitwen wie das Mütterchen Pelagea Wlassowa im Kopfumdrehen zu Revolutionärinnen werden, statt auf Gott schnurstracks auf die Partei vertrauen und das „Lob des Kommunismus“ anstimmen: „Er ist vernünftig, jeder versteht ihn.“

Nach Stalin und Heiner Müller, denkt man, wäre das eigentlich nur noch als Komödie, als blutige Farce zu spielen. Oder als Requiem. Claus Peymann wird auch dies gewusst haben, doch ihm war das eine oder das andere dann doch zu riskant (oder zu wohlfeil?), und so hat er den mindestens abonnentengünstigen Mittelweg gewählt. Den Flirt mit dem Salonkommunismus.

Selten war Brecht, der Proletlook-Brecht, schicker als hier. Karl-Ernst Herrmanns schmale weiße Spielfläche zielt wie eine Mischung aus Laufsteg und Sternzacke (mit blutroter Spitze) ins Publikum, drüberweg und vorbei auch an den im Unterstand prächtig Eislernden Musikern. Hier oben also führt die kleine, zarte, rothaargefärbte und sonst wie üblich brechtgrauschwarz-kuttige Carmen-Maja Antoni ihr eisern herzliches Regiment. Familiär und revolutionär. Wir kennen sie als wunderbare Komödiantin, auf der Bühne und im Fernsehen (als Rosa Roths Kriminalsekretärin). Die mal zum Lächeln, mal zum Gähnen reizende Altklugheit, in der sich der besserwissende Lehrstückmeister B.B. so volkstümelnd naiv stellt, die versucht Antoni sich mit einer gewissen koketten Pfiffigkeit anzueignen. Und zugleich, haarscharf, vom Leib zu halten. Das hat für Sekundenfunken wohl Spielwitz. Meist aber bleibt es doch: ein Märchen(tanten)theater. Und weil an dieses Märchen vom reichen Regisseur bis zum armen Statisten keiner mehr glaubt, wirkt es auch – ganz schön verlogen.

Zum Pathos reicht’s in global komplexeren Zeiten nicht hin. Und Carmen-Maja Antoni hat halt nicht die Statur einer Helene Weigel, die seit der Uraufführung in Berlin 1932 auch später, ab 1951, die „Mutter“ immer wieder gespielt hat, sogar bei ihrem allerletzten Auftritt, 1971 während eines Gastspiels in Paris, vier Wochen vor ihrem Tod.

Auch die große Therese Giehse, die bei der Schaubühnen-Eröffnung 1970 Peter Steins „Mutter“ (im doppelten Sinne) war, sie bleibt hier ein ferner Schatten. Weil es aber sonst kaum eine gedankliche oder sinnliche Ablenkung gibt, stechen im BE jetzt die scheinbaren Kleinigkeiten ins Auge: Die Wlassowa trägt die revolutionären Flugblätter und die russischen Gurken in einer supermodischen Tasche, auch ihr von der Zarenpolizei aufgeschlitztes schwarzes Sofa stammt aus der gutbürgerlichen Boutique, ja, bis hin zu den clownsrot geschminkten Proletarierohren entspringt das alles dem kleinen Organon des Brecht-Designs. Letzter Schrei, schnell verröchelt.

Die Schauspieler sind nur Ensemble, es ist ja fast eine One-Woman-Show mit Einlagen (Martin Seifert als Lehrer, Rainer Philippi als guter Mutter-Sohn). Nur ein Mal echte Komik: Wenn Manfred Karge als Masse Mensch den revolutionären Schlachter gibt und sagt, er sei es gewohnt als Metzger, dass er zuletzt lacht. Und nicht die Sau. Da lachen wir mit, ganz kapitalistenschweinisch.

Wieder am 17., 18., 29. bis 31. Januar

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