Kultur : Rosen aus Indien

Julian Rosefeldt präsentiert mit „Asylum“ eine imposante Videoinstallation in Berlin

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Merkwürdige Dinge geschehen derzeit in der Rieck-Halle neben dem Hamburger Bahnhof. Türkische Putzfrauen reinigen Steine in einem Kakteengarten. Vietsische Köche zerrupfen Essensbehälter aus Styropor. Rosenverkäufer aus Sri Lanka halten eine Prozession ab und legen Blumensträuße in einen Brunnen. Jugoslawische Zeitungshändler stapeln Zeitungen, die eine Windmaschine wieder wegweht. Und dann fangen sie alle an zu singen, stehen da wie ein Chor und singen nur einen Ton, bevor das sinnlose Tun von neuem beginnt.

Auf neun Filmleinwänden spielt sich das ab, welche in der verdunkelten, gut einhundert Meter langen ehemaligen Lagerhalle mal frei von der Decke hängen, mal vor die Wände platziert sind, was allein schon einen grandiosen Eindruck macht. Neun große farbige Rechtecke mit bewegten Bildern darauf, in einer großen - sehr großen - schwarzen Box: ein Multiplex in Simultanität.

Insgesamt 120 Laienschauspieler hat Julian Rosefeldt, Schöpfer dieser Videoinstallation (Titel: „Asylum“, auf deutsch: Asyl, aber auch Waisenhaus, Kinderheim), für seine Filme engagiert. Die Kulissen und die Kameraführung orientieren sich an den Standards internationaler Kinoproduktionen. Sonst aber stimmt hier nichts. Die Handlungen, die Rosefeldt seine Akteure ausführen lässt, sind komplett absurd - allerdings nicht absurd genug, dass darin nicht doch ein Körnchen Wahrhaftigkeit steckte. Dieses Körnchen Wahrhaftigkeit entspricht in etwa dem, was man (vielleicht zu schnell) ein „gängiges Klischee“ nennt, wobei Rosefeldt, Jahrgang 1965, auf ein Stilmittel setzt, das normalerweise zum Genre der Karikatur gehört: Erkenntnisgewinn durch Überzeichnung.

Jedenfalls sind es relativ schlichte gedankliche Gleichungen, die der Künstler da „enthüllt": Hier verkaufen Inder Rosen, Jugoslawen Zeitungen, Türken putzen, Vietnamesen kochen im Schnellimbiss, sie alle haben es nicht leicht in Deutschland und das mit der Exotik ist ohnehin so eine Sache. So balanciert Rosefeldt auf einem schmalen Grat: Auf der einen Seite geht es zur Realität, auf der anderen Seite hockt feist grinsend der Oberlehrer, der dem Spießer in uns mal wieder richtig was zum Sich-Schämen gibt.

Nicht unproblematisch also, das Ganze, und das gilt auch für den Ort an sich. Denn diese Ausstellung soll nur der Probelauf sein für weitere Präsentationen aktueller Kunst unter der Ägide der Staatlichen Museen. Vor einiger Zeit machte die Nachricht die Runde, dass Hans Christian Flick nach gescheiterten Anläufen in Zürich und London seine eminente Sammlung zeitgenössischer Kunst nun in der Rieck-Halle zeigen wolle.

Für Video-Kunst, gerade wenn sie so opulent daherkommt wie bei Rosefeldt, scheint die Halle in der Tat wunderbar geeignet. Denkt man dagegen an andere, konservatorisch anspruchsvollere Werke, stellen sich widersprüchliche Empfindungen ein. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als wären enorm aufwändige Umbauten notwendig, um das frühere Speditionslager einigermaßen herzurichten. Möglicherweise aber fehlt dem Laien hierfür auch bloß die Fantasie. Man darf gespannt sein, was die Experten dazu sagen. Ulrich Clewing

Rieck-Halle an der Westseite des Hamburger Bahnhofs, Invalidenstraße 50/51, bis 27. 10. Di bis Fr 10-18 Uhr, Sa und So11-18 Uhr

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