Kultur : Rosen und Rauschen

ULRICH AMLING

Die Verleihung des Kunstpreises Berlin in der Akademie der KünsteVON ULRICH AMLINGGründe zum Gedenken gab es genug: Seit fünfzig Jahren vergibt die Akademie der Künste den Kunstpreis Berlin in Erinnerung an die Revolution von 1848, die sich gerade zum einhundertfünfzigsten Mal jährt.Es sei "ein stolzer Preis", ein Preis an Künstler, "die auf eigene Art Ideen vertreten, die man nicht totschlagen kann", sagte Walter Jens.Der Ehrenpräsident der Akademie erinnerte an Größe und Würde der "Revolution der Straße" von 1848 und zog eine Verbindung zu den Demonstrationen in Leipzig 1989.Jens mahnte die Politiker, sich wieder stärker der Geburt des deutschen Parlamentarismus und seiner Tugenden zu besinnen.Danach nahmen die Geehrten in stummer Reihe auf dem Podium Platz, lauschten den Begründungen der Jury und holten sich darauf eine rote Rose ab.Horst Sagert, der mit dem Kunstpreis ausgezeichnete Bühnenbildner, Regisseur und Dichter, konnte sich während der Laudatio der Tränen nicht erwehren.Der Theaterkritiker Christoph Funke rief das "bewundernswerte, geheimnisvolle Werk" Sagerts am Deutschen Theater und BE in Erinnerung.1983 zog er sich von der Bühne zurück."Er fühlte sich von der DDR in lächerlicher Weise zum Staatsfeind gemacht", so Funke.Die mit je 10 000 Mark dotierten Förderpreise gingen an die Künstler Heike Kürzel und Alexander Sgonina, den Architekten Dietmar Feichtinger, den Stadtplaner Jörn Walter und den Komponisten Peter Ablinger.In der Sparte Literatur wurde der Lyriker Steffen Jacobs geehrt, für "die Wiederbelebung einer traditionsreichen Theaterform" das Wandertheater "Ton und Kirschen" aus Glindow bei Potsdam.Den Film- und Medienpreis erhielt die Pariser Regisseurin Yolande Zauberman.Auf die roten Rosen folgte das Rauschen, zunächst des Applaudierens, doch dann, viel massiver in der Komposition "Weiss/Weisslich 22" von Peter Ablinger.Minutenlang ein Geräusch.In ganz weiter Ferne zogen Bruchstücke von Melodien vorüber, der Komponist vermerkt: "22a) Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert, Bruckner, Mahler".Eine solche Provokation erntete Buh-Rufe hie, demonstratives Klatschen da - dann rauschte das Publikum zum Wein-Empfang.Wen das Wandeln in den Akademie-Hallen nicht ausreichend in rauschhafte Zustände versetzte, für den hielt der Abend noch Yolande Zaubermans Film "Clubbed to death" bereit.Ein sinnlicher Sturzflug in den Bauch einer riesigen Disco und die Sehnsüchte dreier Menschen: verwackelt, mit stampfenden Rhythmen unterlegt, wunderschön.Die Akademie am frühen Morgen: Rausch, ganz ohne rote Rosen.

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