Kultur : Rosengarten

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SCHREIBWAREN

Jörg Plath über einen Tausch,

der beweist, dass Frauen besser riechen

Traditionen sind in der Regel nicht etwa alt, sondern jung. Die bajuwarische Folklore mit Lederhose, Janker und Schuhplattlern ließ sich der Landesherr einst ausgerechnet von Wissenschaftlern Saupreußens erfinden, natürlich aus Gründen der Machterhaltung. Er war weder der erste noch der letzte Traditionsstifter. Die UNESCO etwa hat vor acht Jahren erstmals den „Welttag des Buches“ ausgerufen, gefeiert wird er am 23.4., dem Todestag von Shakespeare und Cervantes sowie dem Namenstag des Heiligen San Jordi, an welchem sich in Katalonien ein Ritus aus sicher nicht zu alter Zeit vollzieht: Frauen schenken ihren Männern ein Buch und erhalten retour – eine Rose.

Außerhalb von Katalonien wird der „Welttag des Buches“ jedes Jahr anders begangen, und dieses Mal hat man sich in Deutschland für eine gaaaanz moderne Variante entschieden: Man macht der Literatur Beine. Gut zwanzig Autoren stehen am Mittwoch früh auf, weil sie um 6 Uhr erfahren, über welches Thema sie bis 10 Uhr schreiben dürfen. Dann wird lektoriert, gesetzt, gedruckt, geschnitten, geklebt und mit Bahn fahrenden Boten bundesweit ausgeliefert – in das Literaturhaus etwa, wo ab 20 Uhr Zehra Cirak, Alban Nikolai Herbst, Kathrin Röggla und Carsten Probst das frischeste Buch, pardon: „Das schnellste Buch der Welt“ vorstellen.

Jürgen Becker wird von dem ganzen Spektakel wenig halten. Der einst experimentelle Lyriker („Ränder“, „Felder“) ist ein ruhiger Betrachter, der Sammelfahrten durch Landschaften, Wahrnehmungen und Erinnerungen unternimmt: „Was denkst du jetzt?“, heißt es in seinem Roman „Die Geschichte der Trennungen“ (Suhrkamp). „Was soll ich schon denken, sagte Jörn, ich versuche so etwas wie ein Netz zu knüpfen, aber immer hängen ein paar Enden ins Leere hinein.“ Ein Netz knüpfen wird Becker sicher am 23.4. im Literaturforum (20 Uhr).

Ein VWKäfer liegt im Vorgarten des Literaturhauses auf dem Rücken und weist auf die Ausstellung zur Bürogeschichte Franz Kafkas hin. Über den Schriftsteller, der Gregor Samsa in einen Käfer verwandelte, wissen wir noch längst nicht alles. Von dem Womanizer Kafka hat Alena Wagnerová am Rande ihrer Biografie von Milena Jesenská erzählt. Die lebenslustige Journalistin übersetzte Kafka ins Tschechische und verliebte sich in ihn, entschied sich dann aber doch für ihren fremd gehenden Ehemann. Wagnerová spricht am 24.4. im Literaturhaus (20 Uhr) über die Familie Kafka und berichtet von einem Fund, der den Vater Kafkas in neuem Licht zeigen soll.

Und schließlich ein paar Kurzhinweise. Hier finden Sie Autoren, für die – leider, leider! – ein halber Satz reichen muss. Da wäre die Ägypterin Miral Al-Tahawi , in deren Roman „Die blaue Aubergine“ eine junge Studentin gegen linke und fundamentalistische Ideologien aufbegehrt ( Haus der Kulturen der Welt , 24.4., 19 Uhr). Oder Jochen Schmidt , der „Seine großen Erfolge“ im Roten Salon (27.4., 20 Uhr) zum Besten gibt.

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