Rosenkavalier : Last, Liebe, Lust

Carlos Kleibers "Rosenkavalier" aus der Bayerischen Staatsoper gibt es jetzt offiziell auf CD. Ein Ereignis, nicht nur weil die Welt inständig drauf gewartet hat.

Christine Lemke-Matwey

Ein Schatz wäre hier zu heben, immer noch und bis ans Ende aller Tage. Bergs "Wozzeck" etwa soll Carlos Kleiber die raren Male aus der Uraufführungspartitur seines Vaters Erich dirigiert haben (Berlin! Staatsoper! 1925!). Und auch der "Rosenkavalier" böte sich gewiss als familiäres Erb- und Herzstück an. Hier Erich Kleibers' Referenzaufnahme mit den Wiener Philharmonikern von 1954 (Decca), da die leuchtende "Rosenkavalier"-Spur, die sein genialisch-skrupulöser Künstler-Sohn seit den Sechzigerjahren legte, von Stuttgart über München und Wien bis nach Japan und schließlich via DVD (Deutsche Grammophon) in die ganze Welt. Unerreicht in ihrem Fingerspitzengefühl für die Maskeraden und kleinen Falschheiten der Strauss'schen Musik, unerreichbar in ihrer erotomanen Klangsinnlichkeit und Grazie.

Gegen Ende seines exzentrischen Dirigentenlebens hat Carlos Kleiber sich nur mehr mit einer Handvoll Werke umgeben - Strauss' "Rosenkavalier", jene bittersüßböse "Komödie für Musik", gehörte fraglos dazu. Ob er auch hier mit der väterlichen Partitur arbeitete (was naturgemäß Last und Lust bedeutete, Beklemmung und Inspiration), man weiß es nicht. Selbst in solch unverfänglichen Fragen ist und bleibt Kleiber eine Legende. Seine Familie mauert bis heute, woran notgedrungen auch Alexander Werners ein wenig überfleißige, 2007 bei Schott erschienene Biografie scheitern musste.

Nach diversen Raubkopien (die in den Siebziger- und Achtzigerjahren noch als LPs unterm Ladentisch gehandelt wurden!) hat das Label Orfeo nun jedenfalls den ersten ordentlich autorisierten Kleiber-"Rosenkavalier" aus der Bayerischen Staatsoper auf CD veröffentlicht. Ein Ereignis, nicht nur weil die (Kleiber-)Welt darauf so inständig gewartet hat.

Claire Watsons mädchenhaft anmutende Marschallin mag in der Besetzung dieser Münchner Festspielaufführung von 1973 zwar nicht ganz das erreichen, was eine Gwyneth Jones später an Wienerischer Kopfschmerzlichkeit verströmte; und auch Karl Ridderbuschs Ochs dürfte in seinem Schnodderton bisweilen stören. Lucia Popp und Brigitte Fassbaender als Sophie und Octavian aber sind ein Traumpaar: Man höre nur einmal in die Überreichung der silbernen Rose herein, wie es in beiden Stimmen pulst und tut und sich förmlich überstürzt im Liebeswollen, im Lebensvergessen. Oder, was das fabelhafte Bayerische Staatsorchester betrifft, die Einleitung zum dritten Akt: Strauss, the Progressive! möchte man hier in Abwandlung des berühmten Schönberg-Zitates rufen. Härter, rüder, dreckiger klingt kein Vorstadtbeisl, und kaum je wurden die unbedingt dazugehörigen Kunstwalzertränen so zärtlich zerdrückt.

Der Booklet-Umschlag übrigens gibt zwei Partiturseiten wieder. "Weich" steht da in grünem Buntstift zu lesen oder "im Takt" und in rot so etwas wie "oja!" oder "oje!". Regieanweisungen eines Besessenen. Wann wird die Welt Schätze wie diesen heben dürfen und Kleibers Dirigierpartituren endlich ganz zu Gesicht bekommen?

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