Kultur : Rosental im Untergrund

Licht und Farbe in der U-Bahn: ein Forschungsprojekt

Bernhard Schulz

Das waren noch Zeiten, als Berlins Kommunalpolitiker die U-Bahn als zukunftsträchtiges Verkehrsmittel pflegten und ausbauten! 1930 wurde die Linie D (die heutige Linie 8) in ihrem nördlichen Abschnitt fertiggestellt und reichte nun von Gesundbrunnen bis Leinestraße. Lange zuvor bereits als „GN-Bahn“, als Verbindung Gesundbrunnen- Neukölln geplant, führte sie „mitten durchs Stadtzentrum aus Proletariervierteln in Proletarierviertel, von Fabriken zu Fabriken“, – so Siegfried Kracauer in einem seiner berühmten Feuilletons in der „Frankfurter Zeitung“. Die Bahnhöfe seien „technisch und zweckmäßig wie moderne Spitäler, mit einfachen Eisenstützen, blank gekachelten Wänden, schmuckloser Beschriftung und allen möglichen Lichtsignalen“.

Was Kracauer 1930 beobachtete, lockte den Kunsthistoriker Christoph Brachmann, „Licht und Farbe im Berliner Untergrund“ zu erkunden. Unter diesem Titel liegt das Ergebnis seiner langjährigen Studien samt vorzüglichen Fotografien von Gisela Kohrmann jetzt als Buch vor. Die Linie 8 gehört nicht eben zu den Touristenstrecken – völlig zu Unrecht, denn für Architektur- und Designbegeisterte ist sie, wie das Buch eindrucksvoll beweist, ein Muss. Die „Neue Sachlichkeit“ der zwanziger Jahre erreichte hier ihren Höhepunkt. Kracauer sah es mit feuilletonistischem Überschwang: „Der Bahnhof Rosenthaler Straße sucht sogar durch seine rosig angehauchten Wandplatten die Illusion zu erwecken, als ob diese Gegend ein Rosental sei.“

Mag die Wahrheit auch prosaischer sein – es ging vor allem darum, die Bahnhöfe für den flüchtigen Blick unterscheidbar zu machen –, so gibt doch aus heutiger Perspektive die ungebrochene Funktionalität der Bahnhofsgestaltungen allen Anlass zur Bewunderung. Ihren Gipfel erreichte die reduzierte, zugleich aber bis ins letzte Detail ausgefeilte Formensprache im Bahnhof Moritzplatz, dem einzigen, den der frühere Chefgestalter der AEG, Peter Behrens, unter den ansonsten vom BVG- Hausarchitekten Alfred Grenander gestalteten Bahnhöfen ausführen konnte.

Vieles ist auf der Linie 8 mittlerweile verunstaltet oder entfernt worden, insbesondere die zauberhaft irisierenden Kacheln. So ist Brachmanns Buch auch eine leise, aber vernehmliche Anklage gegen behördlichen Vandalismus.

Christoph Brachmann: Licht und Farbe im Berliner Untergrund. Gebr. Mann Verlag, Berlin 2003. 292 Seiten, 253 Abb., 88 €.

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