Kultur : "Rosetta": Hoffnung, nicht mehr

Jan Schulz-Ojala

Da gibt es den Tümpel neben dem eingezäunten Campingplatz. Rosetta geht dort oft ohne Erlaubnis angeln, auf ihre Weise - mit Draht und Regenwurm im Flaschenhals. Einmal stürzt sie selbst in das brackige Wasser: Ihre im Suff taumelnde Mutter hat sie nach einem Gerangel hineingestoßen und hilft der schreienden Tochter, die sich immer mehr verfängt im Bodenlosen dieses Gewässers, nicht heraus. Ein anderes Mal ist sie Zeugin eines fast identischen Vorgangs: Nur fällt diesmal der junge Mann, den sie bei der Arbeit kennen gelernt hat, ins Wasser. Sie sieht zu, zögert lange, sehr lange - und rettet ihn dann doch, indem sie ihm einen dünnen Ast hinhält.

Der Tümpel ist das einzige, fast überdeutliche Symbol in einem Film, der auf Zeichen sonst verzichtet, um umso kruder zu zeigen. Der Sog des stillbösen Wassers steht dafür, dass es in Rosettas Welt ums Ganze geht. Ums Nicht-Untergehen. Ums Leben, das nackte. Eine Mutter ließe ihre Tochter ungerührt ertrinken: Wer so das Eingreifen unterlässt, muss selber schon tot sein. Ein junges Mädchen rettet jemanden vorm Ertrinken, dessen Arbeitsplatz sie dringend brauchen könnte: Hoffnung, nicht mehr.

Rosetta ist Titel und Motiv und Mitte eines Films, der sich rückhaltlos aus seiner Hauptdarstellerin definiert. Rosetta ist präsent in fast jeder Einstellung; die Kamera, meist dicht hinter ihrer Schulter gehalten, treibt sie voran, schützt sie so förmlich vor der Selbstaufgabe; aber sie jagt sie auch - durch die Beton-Unterführungen der sonnenlosen Stadtrandwelt und über die Ausfallstraße zum Campingplatz, dem trostlosesten Zuhause der Welt. Die Kamera verharrt wie ein zappelnder Hund, wenn Rosetta die abgetretenen Stadtlatschen mit den im Unterholz versteckten Gummistiefeln tauscht: Schuhwerk für die versiffte Wohnwagenwelt, die ihre Mutter langsam im Alkohol ertränkt. Die Kamera bleibt bei ihr, wenn sie, verzweifelt, schließlich doch von sich abzulassen droht. Und die Kamera fängt die Rettung ein, eine wundersam stumme Rettung, nach der es nichts mehr zu sagen gibt. Schon wird die Leinwand schwarz, nichts weiter. Wir haben gesehen.

Rosetta rennt, rennt so pausenlos wie Tom Tykwers Lola und rennt doch überhaupt nicht wie sie. Sie kommt nur in einem Film imponierender und zugleich peinigender Energie, der ihren Alltag wie in Realzeit dokumentiert, nie zur Ruhe: Sie stampft durch das zernutzte Stadtwäldchen, sie tritt auf der Stelle in der Waffelbude, wo sie arbeitet, sie ist immer auf dem Sprung und springt doch nicht; sie hält die Mutter vom Trinken ab und weiß doch, gleich wird sie wieder beim Platzwart um Fusel betteln und dafür ihren Körper hinlegen; sie ruckt herum im himmelsoffenen Zellengeviert ihres jungen und schon so ausgemessenen Lebens; tastet die Ränder ab, flugunfähiges, gepanzertes Insekt. Nur eines weiß sie: Sie will nicht untergehen. Und das einzige Rezept hierfür ist: Arbeit.

In der ersten, atemlos anlauflosen Einstellung des Films sträubt sie sich gegen eine fristlose Kündigung, tobt, schreit, versteckt sich im Klo. Später wird sie mit scharfen Krallen den Job als Waffelverkäuferin an sich reißen - womit sie den einzigen Menschen, der ihr arglos eine Wärme angeboten hat, in die Arbeitslosigkeit stürzt. Noch später werden wir ihre Gewissensbisse nur daran erkennen, dass ihre Magenkrämpfe noch heftiger toben und sie ebenso ruhig wie zügig Vorkehrungen trifft, die zu ihrem und ihrer Mutter Tod führen können. Und wir werden die schwarze Pointe lesen, die das verhindert. Hoffnung also, aber wofür?

Die Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne haben zweieinhalb Jahrzehnte Dokumentarfilme produziert, bevor sie sich mit "La promesse" an ihren ersten eigenen Spielfilm machten. Fast dokumentarisch gerät auch ihr Zugang zu "Rosetta". Die Geschichte, die eher dasteht, als sie erzählt wird, erklärt sich allein aus der Person, um die es geht. Und die Person wiederum steht für ein bestimmtes Interesse an ihr, für ein Thema. Illustriert "Rosetta" also nur eine These, zum Beispiel den Gedanken, dass ein Mensch nichts ist ohne seine Arbeit? Lässt sich "Rosetta" gar auf ein Manifest reduzieren - aktuell etwa gegen den komfortabel gefederten Populismus eines deutschen Kanzlers, der den Arbeitslosen ins Gesicht schleudert, es gebe kein Recht auf Faulheit?

So einfach geht es nicht - nicht nur, weil die stets in die Arbeitslosigkeit schlingernde, ja, von ihr halb schon verschlungene Rosetta sich manisch-panisch jedes Recht auf Faulheit verbietet. Auch lösen die Regisseure - und ihre kraftvoll natürlich agierenden Kino-Debütanten Emilie Dequenne, Fabrizio Ron (der Freund) und Anne Yernaux (die Mutter) - jegliches Manifesthafte im Spiel auf. In ein kunstvolles Spiel freilich, das gelebter, erlittener Erfahrung fast gleicht. Bequem ist das nicht. Aber groß.

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