Kultur : Ross und Rampensau

„Shakespeare in Trouble“ im Renaissance-Theater

Thomas Lackmann

Die ganze Welt: eine Sommerkomödie. Im Premierenparkett sitzen Stars der Realität, Judy Winter und Friedbert Pflüger. Auf der Bühne des Renaissance-Theaters grimassieren, schmachten, posieren die Stars der Verstellung, junge oder gereifte Diven und ehrgeizige Nachwuchs-Regenten. Die Welt: das Spiel im Spiel. Man nehme dafür berühmte Shakespeare-Szenen, vom Ensemble des historischen Globe Theater auf die Bretter gestellt: „Ein Königreich für ein Pferd!“ Man zeige das Backstage-Ensemble um den Dramatiker-Regisseur William, seine Helden und Narren; seine Schwester Judith, die sich verbotenerweise als Hosenrolle in die Männertruppe schmuggelt; seinen bösen Gönner, den putschenden Lord Essex; seine Königin, die – verkleidet als Requisitenknecht – hinter die Kulissen schnüffelt. Drittens blende man, per Lichtwechsel und Stromausfall, herüber zur Stück- im-Stück-Generalprobe heute. Man nehme Ränke: um den Staatsstreich oder die wichtigste Rolle. Sorgen: um das sinkende Schiff namens „England“ oder „Globe“. Eifersuchtszoff: um den Knaben, der ein Fräulein ist.

„Shakespeare in Trouble“, geschrieben von der Queen-Darstellerin Hille Darjes und dem Regisseur Chris Alexander, ist ein Jubiläumsstück der Bremer Shakespeare Company. Seit 24 Jahren bringt diese Wander-Crew dem Publikum landauf landab das Werk ihres genialen Patrons nahe: zur volkstümlichen Ursprünglichkeit zurückgeformt und bisweilen im taghellen Saal, wie das mal Usus war. Erfolgs-Adaptionen á la „Kiss me, Kate“ und der Backstage-Türenklapp-Hit „Noises off“ mögen diese Hommage inspiriert haben. Man setzt auf bildungsbürgerliches Zitateraten; die Hamlet-Formel „2 b r 2b?“ wird wie eine Kabarettnummer zelebriert. Sichere Pointen liefern Theaterwitze über den Narzissmus, mit denen sich Bühnenrösser und Rampensäue selbst ironisieren. „Ich bin so fest gelegt auf Hellebarden“, seufzt der Underdog-Mime und Komiker des Abends, Ecclestone (Rudolf Hoehn). „Nur einmal was Bedeutungsvolles spielen, und wenn es eine Frau wäre.“

Ach, auch Shakespeares Frauenfreundlichkeit wird emanzipatorisch ausformuliert. Der Autor-Regisseur geht in die Falle des Kenntnisreichen: viele Genres parallel zu bedienen. Die HinterbühnenPosse. Die Türenklapp-Klamotte ohne Türenklapp-Tempo. Das kulturpolitische Denkstück zu Abhängigkeit und Entertainment. Sogar die Tragödie: wenn eine blind verliebte Elizabeth I. verzweifelt den Verrat ihres Lords erkennt. Mit aneinander geklebten Schlüssen auf drei Erzählebenen holpert das Spektakel in die Ermüdung. Der finale Zeigefinger zur Zukunft des Theaters bringt keinen Lacher mehr. Um den zu kriegen, würde doch ein Schauspieler, so haben wir’s gern gehört, seine Oma verkaufen: Dass große Kinder für Applaus fast alles tun, bleibt der zeitlos heitere Running Gag dieser Show. Wir spielen immer. Thomas Lackmann

Die Shakespeare Company gastiert bis 24. 8. in Berlin, Do - Sa 20 Uhr, So 18 Uhr

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