Kultur : Ross und Tross

Berliner Biedermeier: der Maler Franz Krüger im Schloss Charlottenburg

Michael Zajonz

Braunglänzende Pferderücken, wohin man schaut. Dichtgedrängt in langen Reihen, Hinterbacke an Hinterbacke. Kampfplatz Unter den Linden: Wo sich heute Autos und Touristen drängen, malte Franz Krüger 1829 das 6. Brandenburgische Kürassier-Regiment bei der Parade. Doch weder Ross und Reiter, noch König Friedrich Wilhelm III., dem das ganze Brimborium gilt, stehen im Mittelpunkt des Geschehens – sondern die schaulustigen Berliner. Krüger kannte sie alle, und er malte sie auch: den greisen Hofbildhauer Schadow neben dem Stiefel ausliefernden Schusterjungen. Oder den stadtbekannten Theaterfriseur Warnecke, einen Udo Walz des 19. Jahrhunderts. Das städtische Publikum wird zum Hauptakteur. Krügers „Parade auf dem Opernplatz“ ist ein Programmbild des Berliner Biedermeier. Normalerweise hängt es in der Alten Nationalgalerie, gegenüber von Adolph Menzels „Eisenwalzwerk“.

Franz Krüger ist in Berlin weltberühmt. Oder war es zumindest lange. Pferde-Krüger hat man ihn genannt, und das war durchaus als Kompliment gemeint. Auch heute kennt man ihn, selbst wenn die letzte große Ausstellung seines Werks in Berlin 1881 stattfand. Die umfassende Werkschau, die ihm die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten und die Staatlichen Museen zu Berlin nun gemeinsam im Schloss Charlottenburg zum 150. Todestag widmen, zeigt eindrucksvoll, dass der Berliner Maler und Zeichner nicht nur den Charakter von Pferden punktgenau treffen konnte. Und dass seine künstlerische Bedeutung – auch jenseits der großartigen Paradebilder – weit über Berlin hinausreicht.

„Preußisch korrekt, berlinisch gewitzt“ heißt es im Untertitel der 250 Gemälde, Zeichnungen und Druckgrafiken vereinenden Ausstellung, auf die der Potsdamer Gemäldekustos und Kurator Gerd Bartoschek zehn Jahre hingearbeitet hat. Korrekt war Krüger, dieser Wahlpreuße aus Anhalt, bis in die Wiedergabe des letzten Uniformknopfs hinein. Überlebenswichtig für einen Maler, der bedeutende Aufträge vom uniformversessenen Friedrich Wilhelm III. erhielt. Dass er Witz besaß, wird besonders unverstellt in den kleinen Porträtzeichnungen von Berliner Bürgern in schwarzer Kohle und Deckweiß deutlich: der eigentlichen Entdeckung dieser Ausstellung. Schönheit ist hier keine Frage von Idealmaßen, sondern von Charakter. In ihrer liebenswürdigen Direktheit nehmen Krügers Köpfe die vielgerühmten realistischen Porträtstudien Menzels dreißig Jahre vorweg.

Doch ein allzu scharfer Kritiker der Zeitumstände war der 1797 geborene Akademieabsolvent Krüger, der sich seit seinem ersten Publikumserfolg auf der Berliner Akademieausstellung 1818 kontinuierlich hochgemalt hat, gewiss nicht. Selbst wenn auf seinem ersten Großformat, dem „Marsch preußischer Kavallerie“ von 1820, die siegreiche Rückkehr des Generals von Gneisenau 1815 nach Berlin eher an einen Trauerzug erinnert. Der bald kaltgestellte preußische Militärreformer, der zu den frühen Förderern Krügers gehörte, mag die eisige Stimmung als politisches Gleichnis verstanden haben. Friedrich Wilhelm III., der große Reformbremser auf dem Preußenthron, hat das Bild dennoch gekauft und in seinen Privatgemächern aufhängen lassen.

Dieser Monarch, der 43 lange Jahre herrschte, biedermeierlich bescheiden als Bürger unter Bürgern lebte und dennoch nach den Befreiungskriegen alle Hoffnungen auf Liberalisierung enttäuscht hat, steht für den preußischen Kompromiss in Sachen Kunst. Ihn bedienten Maler wie Krüger oder Eduard Gaertner, die auf höchstem Niveau staatliche Propagandawünsche und unbeschönigtes Zeitkolorit zusammenbrachten. Krüger malte neben den Staatsporträts der Könige und Prinzen auch die private Seite der Hohenzollern: wie im meisterhaften Bildnis des Prinzen August von Preußen, der – als Bild im Bild – seine Pariser Ex-Geliebte Julie Récamier als Trophäe vorführt.

Zwei der drei großformatigen Paradebilder Krügers entstanden für den russischen Zaren Nikolaus I., der mit der ältesten Tochter Friedrich Wilhelms III. verheiratet war. Mindestens viermal ist der Künstler in Russland gewesen, nur einmal kurz in Paris. Für Nikolaus malt Krüger 1848/49 auch jene Parade in Potsdam, die damals schon 30 Jahre zurückliegt.

Um das schöne Schauspiel der Monarchie noch einmal ungestört heraufzubeschwören, zieht sich der Künstler vor der in Berlin wütenden Revolution nach Dessau zurück. Danach ist Krüger ein anderer. Seine späten russischen Porträts hoher Militärs und Hofchargen umweht ein Hauch von Vergeblichkeit. Es sind stolze Erben einer Tradition, die das Ende vorausahnen. Neben ihnen hängt das in Krügers Œuvre einmalige Bild eines toten Kaninchens. Seidigbraun glänzt sein Fell.

Schloss Charlottenburg, Neuer Flügel, bis 1. Juli. Der Katalog (Deutscher Kunstverlag) kostet in der Ausstellung 29,90 Euro, im Buchhandel 39,90 Euro.

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