Kultur : Rost-Moderne im Ruhrgebiet

Mit der Eröffnung einer 1900-Plätze-Philharmonie baut die Stadt Essen ihre Pole-Position beim Kulturaufschwung im Pott weiter aus

Frederik Hanssen

In den vergangenen drei Wochen hatten sie in Essen gleich vier Mal Grund zum Feiern: der Fußballclub Rot-Weiß stieg in die Zweite Liga auf, und die Fußballfrauen vom SG Schönbeck schafften den Sprung in die Damen-Bundesliga. Am Himmelfahrtstag entschied die Landesregierung, dass Nordrhein-Westfalen nicht Köln oder Münster, sondern Essen ins Rennen um die Bewerbung zur Kulturhauptstadt Europas 2010 schicken wird. Und am Sonnabend schließlich wurde der für 75 Millionen Euro umgebaute historische Saalbau Essen als größte Philharmonie des Bundeslandes eröffnet.

18000 Fans hatten den Aufstieg ihres Clubs mit einer Riesenfete gefeiert. Bei der Philharmonie-Eröffnung waren es nun nicht ganz so viele: 1906, um exakt zu sein – denn so viele Besucher fasst der Alfried-Krupp-Saal, das Prunkstück des Hauses. Mit dem wuchtigen Musikpalast am Stadtgarten, direkt neben dem Aalto-Musiktheater, setzt sich Essen an die Spitze des westdeutschen Kulturaufschwungs. Viel Kohle hat man im Pott in jüngster Zeit in die Hand genommen, um brach liegende Industrieflächen in Freizeitparks zu verwandeln und ehemalige Montagehallen in Veranstaltungssäle.

Gerard Mortiers Ruhrtriennale und Franz Xaver Ohnesorgs Klavierfestival Ruhr haben das staubige Image aufpoliert. Die Bewerbung um die Kulturhauptstadt soll der Region nun endgültig ihr Selbstbewusstsein zurückgeben. Erstmals bewirbt sich nämlich ein Städteverbund um den Titel. Essen fungiert als primus inter pares, doch auch Bochum und Duisburg, Dortmund, Herne, Recklinghausen und Gelsenkirchen sind im Bewerberteam dabei. „Wandel durch Kultur“ lautet das Motto im EU-kompatiblen Funktionärsjargon. Gemeint ist damit die Rost-Moderne an der Ruhr: Dort, wo das Herz des Wirtschaftswunders schlug, soll auch das pulsierende Zentrum der Kulturnation liegen, wenn die Bundesrepublik 2010 turnusgemäß die virtuelle EU-Hauptstadt stellen darf.

Die Jury, die darüber zu entscheiden hatte, welche der drei NRW-Bewerber die besten Chancen hat, votierte einstimmig für Essen & Co. Kein Wunder, dass die Eröffnung der Philharmonie am Wochenende zur Siegesfeier wurde. Und auch die ersten Töne im neuen Saal klangen triumphal, wie aus dem Chor einer gigantischen Kathedrale: „Tönet, ihr Pauken! Erschallet Trompeten“ aus Johann Sebastian Bachs Kantate BWV 214 hatte der Chefdirigent der Essener Philharmoniker, Stefan Soltez ausgesucht. Populär geworden ist der Jubelchor allerdings in Bachs Zweitverwertung als „Jauchzet, frohlocket“ aus dem Weihnachtsoratorium – und wirkte darum etwas aus der Zeit gefallen. Andererseits: Auch das Bergbaumuseum in Bochum wirbt für seine Dauerausstellung mit dem Slogan „Stollen das ganze Jahr“.

Mit musikalischem Naschwerk ging es weiter, nämlich mit der „Alpensinfonie“ von Richard Strauss, der 1904 den Saalbau höchstselbst dirigierend eröffnet hatte. Um die hervorragende Akustik des in den historischen Baukörper integrierten neuen Saals vorzuführen, eine ideale Wahl: Hell und freundlich wie die Optik ist auch der Klangeindruck. So wie der Zuschauerraum die Bühne zu umarmen scheint, weil sich die Stuhlreihen in drei Rängen ganz um das halbkreisförmige Podium herum ziehen, so einladend kommt auch der Orchestersound den Zuhörern entgegen. Prachtvoll kann sich das Blech entfalten, ohne die Holzbläser komplett zu dominieren, kompakt und klar sind die Streicher zu hören.

Die Wahl des Pianisten Olli Mustonen für Mozarts c-Moll-Klavierkonzert zeigte, wie sich Philharmonie-Intendant Michael Kaufmann in der Orchesterlandschaft Nordrhein-Westfalens profilieren will. Der 43-jährige Kulturmanager, der sein Handwerk bei den Ludwigsburger Festspielen und in der Kölner Philharmonie gelernt hat, liebt die Freaks des Musikbetriebs, singuläre Erscheinungen wie Mustonen. Die Zappelphilipp-Performance des Finnen ist und bleibt gewöhnungsbedürftig, als Musik-Rhetoriker aber ist Mustonen ein brillanter Intellektueller, der am laufenden Band mit unerhörten Details überrascht. Die Zukunft gehört Künstlern, die die Vielgesichtigkeit der Musik zeigen – davon ist Kaufmann überzeugt. Für seine erste Saison hat er darum neben dem Petersen-Quartett und dem Geiger Frank Peter Zimmermann Multitalente wie den Gustav-Mahler-Fan und Jazz-Musiker Uri Caine sowie den Chansonnier, Kapellmeister und Wiener Ruhestörer HK Gruber als artists in residence verpflichtet. „Ein subventioniertes Konzerthaus muss vor allem das anbieten, was die privaten Veranstalter nicht leisten können“, findet Kaufmann und erhofft sich auch, mit den Programmen jenseits des Abonnentengeschmacks den Zuhörernachwuchs aktivieren zu können. 60 Prozent Auslastung braucht er, um nicht in die roten Zahlen zu rutschen. Mit 150 Veranstaltungen im ersten Jahr geht er ein wenig vorsichtiger zu Werke als sein Kollege Ulrich Andreas Vogt, der im neuen Dortmunder Konzerthaus vor zwei Jahren das Publikum mit 220 Konzerten überrumpelte. Beim Essener „Eröffnungszauber“ verkaufen sich allerdings bislang die großen Namen am besten – die Konzerte von Anne-Sophie Mutter, Max Raabe oder den Berliner Philharmonikern sind trotz Ticketpreisen von bis zu 145 Euro seit langem ausverkauft.

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