Kultur : Roststellen der Zeit

Klaus-Dieter Weiss

Und noch ein neues Museum: Dieses macht durch kunstvoll gefügte, rostende Stahlplatten auf sich aufmerksam. Ein über 40 Meter hoher, luftiger Aussichtsturm mit aufgeständertem eingeschossigem Langhaus und drei kleine Pavillons mit eigenwillig-sinnlichen Landschaftsbezügen verteilen sich als minimalistische Kuben über ein Schlachtgelände, auf dem vor fast 2000 Jahren an die 20 000 römische Legionäre ihr Leben ließen. Ob sich die Schweizer Architekten Annette Gigon und Mike Guyer gefragt haben, was geworden wäre, wenn die berühmte Schlacht im Jahre 9 n. Chr. einen anderen Verlauf genommen hätte? Wenn nicht Hermann der Cherusker gesiegt hätte, sondern Publius Quintilius Varus?

Womöglich wäre die deutsche Baukultur eine andere: römischer, urbaner, konsequenter. Und gewiss würde der grandiose Entwurf der museumserfahrenen Architekten, die auf das knifflige Thema bei den Gebäuden wie beim Ausstellungspark mit einer schlüssigen Symbolsprache reagierten, auf breiteres Verständnis stoßen. Denn das Museum, nördlich von Osnabrück auf Höhe des Mittellandkanals in freier Landschaft gelegen, hat zwar die Lesezeichen-Qualität von Daniel Libeskinds Felix-Nussbaum-Museum in Osnabrück, aber die architektonischen Ausdrucksweisen könnten dennoch kaum unterschiedlicher sein. Schöpft Libeskind die Zeichenhaftigkeit aus einer skulpturalen Fremdheit zur Welt, bleiben seine jüngeren Schweizer Kollegen geradezu stoisch ortogonal und unaufgeregt. Trotzdem erreichen sie eine Kommunikation zwischen Museum und Objekt, die über die Sprachlosigkeit einer white box hinausgeht. Lässt man sich auf die distanzierende, im Zeitraffer gealterte Materialität des Stahls ebenso ein wie auf die gezielt gesetzten Details, schweifen die Assoziationen zwischen Kriegsgerät und Beinhaus, zwischen einem auf den reinen Stahlkern reduzierten kriegsversehrten Wrack und einem lustvoll nur auf Materialität setzenden Stück Arte povera. Man mag es drehen und wenden, immer bleiben die den Boden als Fundort kaum tangierenden, aber in dessen Geschichte verankerten, rostigen architektonischen Ungeheuerlichkeiten an diesem Standort siegreich. Und man rechnet sie in Umkehrung des Schlachtergebnisses unwillkürlich den Römern zu.

Die Peinlichkeit besteht nämlich darin, dass es auf dem Gelände weitere Gebäude gibt, die sich der Gunst des Publikums aalglatt zu versichern wissen. Entgegen der Konzeption der Architekten dient ein frisch saniertes landwirtschaftliches Gehöft als Eingangsbauwerk, Besucherzentrum und Museumsrestaurant. Eine architektonische Leutseligkeit, die zur jahrmarktähnlichen Budenstadt mit Bratwurstdampf ausufern kann. Auf der einen Seite also heimattümelndes, lukratives Schwelgen im falschen historischen Zeitsegment, auf der anderen das intellektuelle Kontrastprogramm. Anstößig ist nicht die Architektur der eigentlichen Museumsgebäude, fehlgeleitet ist vielmehr das Infragestellen ihrer Qualitäten durch den Verschnitt mit bäuerlichen Lebens- und Wohnformen, die auf diesem Schauplatz von europäischem Rang historisch, funktional wie architektonisch nicht das Geringste verloren haben.

Der schmale Grat an Verständnis, auf dem die Architekten nach dem Wettbewerbsgewinn zu operieren hatten (Jury-Vorsitz: Meinhard von Gerkan), offenbart sich an dieser Stelle auf gravierende Weise. Aber nicht nur dort. Die chronische Geldnot der durch das Land Niedersachsen mit keiner Mark finanzierten Institution kann nicht allein verantwortlich gemacht werden - die Politik ist gefragt. Wenn sie sich des Varusschlachts-Projekts nicht annimmt, besteht die Gefahr, dass der Bodenschatz dieses Museums einer Kommerzialisierung anheimfällt, die von einer eventbesessenen Museumsleitung mit der Sammelbüchse in der Hand vorangetrieben wird. Denn die im Ausstellungskonzept angelegte, ernsthafte Auseinandersetzung mit den Spuren des Krieges und ein zur Refinanzierung offenbar (noch) notwendiger Klamauk schließen sich aus.

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